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 Betreff des Beitrags: Wege gegen Rassismus in den Stadien
 Beitrag Verfasst: Freitag 18. März 2005, 11:39 
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Registriert: Mittwoch 5. Mai 2004, 15:29
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Wege gegen Rassismus in den Stadien

Nach wie vor ist er ein Thema im internationalen Fussball: der Rassismus. Und kürzlich haben nicht nur einige Fangruppierungen in Italien oder Spanien eine Rassismus-Diskussion neu entfacht, sondern sogar Fussballprofis, welche in ihren Fangruppen als Vorbilder gelten.
Von Joël Wüthrich

Ausrotten wird man rassistische und diffamierende Sprüche und «Schlachtgesänge» an Fussballspielen wohl nie können. Auch gewisse Fans mit einem nicht sonderlich bemerkenswerten Gedankengut wird man nie vollends aus den Stadien treiben können. Die Vorfälle in Spanien, als die schwarzen Spieler der Nationalmannschaft Englands übel beschimpft wurden, gelten zwar als Skandal, reihen sich aber zu vielen anderen Fällen. In Frankreich, Italien, Spanien, Russland und zum Teil in Skandinavien häufen sich die Fälle von rassistisch motivierten Zwischenfällen verbaler und physischer Natur in den letzten zwei Jahren. Währenddessen gingen gemäss kürzlich publizierten Studien die Fälle dank konsequenter Aufklärungskampagnen und der Bekämpfung des Phänomens durch einige Fangruppierungen in für solche Vorfälle bisher eher gefährdeten Ländern wie England und Deutschland zurück.

Fussballstar jubelt mit Nazigruss

Auch Italien glaubte so langsam dieses Problem in den Griff zu bekommen, obwohl dort rassistisch und antisemitisch motivierte Äusserungen in Fussballstadien weit verbreitet sind. Antisemitische Sprechchöre sind an der Tagesordnung und gehören zum Repertoire fast jeder Fangruppierung im Sektor der «Ultras». Aber auch Anfeindungen gegen schwarze Spieler sind Usus, was offensichtlich sogar Präsidenten dazu veranlasst, ihre Clubpolitik zu ändern. Schlimmstes Beispiel: Der Präsident von Verona hatte vor drei Jahren auch schon mal einigen Fans nachgegeben, welche forderten, er solle keine schwarzen Spieler verpflichten. Nun bekam die «braune Sauce» unter den Fans erneut willkommene Nahrung: Ausgerechnet von einem begnadeten Fussballspieler, einem Vorbild in Einsatz und professioneller Einstellung, einem Sportsmann durch und durch. Paolo Di Canio wurde ihr Idol. Ein Mann, der bereits Fussballer des Jahres in England wurde und Gewinner des Fifa-Fairplay-Preises. Di Canio liess sich zu einer Geste hinreissen, welche jedem anständigen Menschen das Blut in den Adern gefrieren lässt. Der Mussolini-Fan hob nach einem Torerfolg gegen AS Rom den Arm zum «Ave»-Gruss der Römer, der von den Nationalsozialisten und Hitler sowie auch von Mussolini übernommen worden war. Paolo Di Canio, mit entblösstem Oberarm, auf welchem man seine Tätowierung «Dux» (Führer auf Lateinisch) sehen konnte, grüsste seine Fans mit dieser Geste. Einige der so schon als tendenziell rechtsradikal verschrieenen Fangruppen von Lazio Rom hatten nun einen neuen «Helden». Seltsam an dieser Angelegenheit ist, dass Di Canio zwar bekennender Mussolini-Fan, aber nicht ausgesprochen antisemitisch oder rassistisch veranlagt ist. Di Canio sagte einst: «Ich habe nichts gegen Juden oder Israel. Meine Verehrung des Duce hat nichts mit Antisemitismus zu tun …». Nur, so weit kommt seine Botschaft nicht. Er wird von den Rechtsradikalen nun als Vorbild verehrt, ob er es so will oder nicht. Das zeigten die Lazio-Anhänger auch in den darauffolgenden Spielen. Sprechchöre für Di Canio waren zu hören und dabei streckten Hunderte Anhänger – wie ihr Vorbild vor einer Woche – den rechten Arm zum Hitlergruss aus.

Wer den grössten Lazio-Fanclub, die «Irriducibili», in der Nähe des Bahnhofs Ostiense besucht, wundert sich nicht darüber. Einige Treppenstufen geht es zum Clubraum hinunter. Dort steht in der Ecke – neben einem Di-Canio-Aufkleber – eine Büste des faschistischen Diktators Mussolini, an der Wand rechts hängt ein Plakat mit Mussolini und Hitler. Was das mit Fussball zu tun hat? Einiges, sagt Fanclub-Chef Fabrizio Tofolo: «Für uns ist er auch ein Vorbild. Mussolini steht für vieles, an das wir glauben. Ehre und Treue, Werte und Ideale – Werte, die in unserer Gesellschaft immer seltener werden.»

Frankreichs Kampf gegen Hooligans

Spanien kennt schon seit Jahren das Problem mit Rassismus im Stadion. Einerseits ist das Nationalitätenproblem vorherrschend (Katalanen und Basken sehen sich nicht in erster Linie als Spanier), was sich auch beim Fanverhalten in Spielen zwischen Barcelona und Madrid oder bei Spielen der baskischen Mannschaften aus Bilbao oder San Sebastian gegen madrilenische Vereine bemerkbar macht. Andererseits ist auch ein unterschwelliger Hass gegen die sogenannten «moros» da – meist schwarze Gastarbeiter aus Afrika und Nordafrika. Dies hat wirtschaftliche, soziale aber auch politisch-geschichtliche Hintergründe. Auch in Frankreich ist es zunehmend schwieriger, den unterschwelligen Rassismus gegen vornehmlich nordafrikanische Muslime unter Kontrolle zu halten. In Frankreich ist das Problem demografischer Natur. Im Kampf gegen Rassismus und Hooligans kooperieren dabei französische Fussballverantwortliche und Politik eng miteinander. Dabei einigten sich Innenminister Dominique de Villepin, Sportminister Jean-François Lamour, Verbandspräsident Claude Simonet und Liga-Chef Frédéric Thierez auf folgende Massnahmen: Stadionverbote benötigen künftig keine Gerichtsverfahren mehr, können von der Verwaltung direkt angeordnet werden. Mit Stadionverboten belegte Personen müssen sich darüber hinaus während entsprechender Spiele bei der Polizei melden. Rassistische Gesänge und Ausschreitungen sollen zum Spielabbruch führen, eine entsprechende Bewertung erfolgt am grünen Tisch.

Schweiz: Keine nennenswerten Klagen

In unseren Breitengraden fühlen sich die meisten ausländischen Fussballer eher unbehelligt und merken kaum rassistische Grundzüge bei Fans und Gegenspielern. Unterschwellig ist in jedem Stadion bei einigen vereinzelten Fans ein Hauch Rassismus vorhanden («typisch Jugo», «Scheiss-Türke» etc.), aber Spruchbänder und Naziflaggen mit rechtsradikalem Inhalt wie in Italien oder schlimme, diffamierende Sprechchöre sind kaum auszumachen. Alex Tachie Mensah vom FC St. Gallen oder auch Francisco Neri bei den Berner Young Boys bestätigen dies. Tachie Mensah: «Ich merke keine Animositäten. Man fühlt sich wohl hier.» Das war nicht immer so. Dies bestätigen auch ehemalige Spieler. Avi Tikva, der israelische Nationalspieler und bis vor zwei Saisons im Dienste der Grasshoppers und der Young Boys, wurde vereinzelt Opfer von Verbalattacken der Fans. «Ich habe mich aber in der Schweiz sehr wohl gefühlt und die Leute haben mich respektiert. In den Stadien wurde ich manchmal von gegnerischen Fans als Saujude betitelt, was mich aber nicht von meiner Konzentration abhielt», so Tikva.

Es gibt aber Wege, gegen Rassismus im Sport zu protestieren: Zuletzt haben Spieler und Fans in ganz Europa Freundschafts-Länderspiele zu einer Demonstration gegen Rassismus genutzt. Die englische Auswahl trat beim 0:0 gegen die Niederlande in Birmingham in roten Trikots mit der Aufschrift «no to racism» («Nein dem Rassismus») an. Während die englischen Fans die Nationalhymne sangen, hielten sie blaue und weisse Plakate mit der gleichen Aufschrift in die Höhe. Auch bei den Spielen Irland – Portugal und Italien – Russland trugen die Spieler schwarz-weisse T-Shirts oder Hemden mit Anti-Rassismus-Aufdrucken. Auslöser für die Demonstrationen waren rassistische Schmähgesänge spanischer Fans gegen schwarze englische Fussballer während des Länderspiels im November 2004 in Madrid. Der Fall des spanischen Nationaltrainers Luis Aragones, der den Arsenal-Stürmer Thierry Henry beleidigt haben soll, wird noch untersucht. Englands Nationaltrainer Sven-Göran Eriksson forderte die Uefa und den Weltverband Fifa auf, gegen den Rassismus im spanischen Fussball vorzugehen. Zudem hatten Englands Nationalspieler Rio Ferdinand und Frankreichs Superstar Thierry Henry eine Anti-Rassismus-Kampagne in Gang gebracht, die auch von Dortmunds Kapitän Christoph Metzelder, Holland- und Manchester-United-Superstar Ruud van Nistelrooy und einigen anderen Stars unterstützt wird.

Schweizer Projekte gegen Rassismus

In der Schweiz existieren einige Fanprojekte gegen Rassismus im Fussball: 1998 wurde der Verein proFAN von drei engagierten Jugendarbeitern gegründet mit dem Ziel, Fanprojekte, wie sie bereits in Deutschland und anderen europäischen Ländern existieren, in der Schweiz zu etablieren. Die Einrichtung von Fanprojekten entspricht einer europäischen Konvention vom 19. August 1985, die von der Schweiz am 24. September 1990 ratifiziert wurde (Artikel 3, Absatz 5). Der Verein Gemeinsam gegen Rassismus ist im März 1996 als Leibchensponsor bei YB erstmals an die Öffentlichkeit getreten. Der Grund für die Aktion: Rassistische und neonazistische Hooligans hatten das Stadion Wankdorf unsicher gemacht. Durch Veranstaltungen, Publikationen und Medienauftritte gelang es, Fremdenfeindlichkeit zu thematisieren. In der Folge haben rassistische Angriffe und das Tragen oder Sprayen von Hakenkreuzen im Wankdorf-Stadion abgenommen. Der Initiant von Gemeinsam gegen Rassismus, Urs Frieden, ist 1996 zum ehrenamtlichen Fan-Beauftragten von YB ernannt worden und konnte während mehr als drei Jahren seine Erfahrungen einbringen. 1998 wurde das Vereins- und Fussball-Lokal «Die HalbZeit» eröffnet. Seit 1999 wird das Vereinslokal durch die Stadt Bern subventioniert. In der ersten Hälfte 1999 vernetzte sich der Verein Gemeinsam gegen Rassismus national (FansUnited) und europäisch (FARE-Kongress in Wien). Im November 2000 durfte der Verein den mit 7000 Franken dotierten Jugendpreis der Burgergemeinde Bern entgegennehmen.

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