sf.tv, 28.07.2009
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Wölfli: «Ich bin kontrolliert aggressiv»Märchenstunden und «positive Psychos», Heimatgefühle und Auslandsträume - YB-Hüter Marco Wölfli spricht im Hintergrund-Interview mit sport.sf.tv über Fussball und andere wichtige Nebensachen der Welt.
Interview: Philippe Jäggi
Gut gelaunt lädt Marco Wölfi zum Gespräch im Bauch des Stade de Suisse. Der 26-Jährige ist bereits in den Trainingskleidern, obwohl die Einheit erst in eineinviertel Stunden auf dem Programm steht - ein Interview kann auch mal länger dauern, Wölfi ist auf alles vorbereitet. Gelassen stellt er sich den Fragen, antwortet meist eingeleitet von einem Schuss Ironie und einer Prise Schalk.
Marco Wölfli, lesen Sie gerne Märchen?
Wölfi: Früher habe ich sicher mehr Märchen gelesen als jetzt (lacht). Ich würde mich nicht als die grosse Leseratte bezeichnen, aber ab und zu lese ich schon auch ein Buch, und wenn, dann meistens eines von Martin Suter.
Es gab vor gut eineinhalb Jahren in einem Berner Fussball-Lokal eine Lesung unter dem Motto «Wölfi und die sieben Geisslein».
Ja, das war eine lustige Sache, eine super Geschichte. Ich trug das spezielle Märchen den etwa 150 Anwesenden bzw. Fans vor. Es war eine witzige Angelegenheit.
Da kamen die Fans in den Genuss, Sie einmal hautnah und von einer anderen Seite miterleben zu können. Wie wichtig ist Ihnen der Kontakt mit den Supportern?
Das ist für beide Seiten wichtig. Wir brauchen die Fans und die Fans brauchen uns. Auch für den gegenseitigen Respekt sind solche Anlässe fördernd.
Als Fussballprofi hat man gegenüber den Jugendlichen eine Vorbildfunktion inne. Wie gehen Sie damit um?
Die Jugendlichen schauen zu einem hoch. Da muss man schauen, was man macht und verbal von sich gibt. Das ist etwas sehr wichtiges, dessen sich alle Spieler bewusst sein sollten. Wir sind auch nur Menschen und machen Fehler, doch es geht darum, dass du dir der Vorbildfunktion bewusst bist und dementsprechend handelst.
Als F-Junior kamen Sie beim FC Fulgor Grenchen zum ersten Mal mit dem Fussball in Kontakt. Gab es auch noch andere Sportarten, die als Kind oder Jugendlicher Ihr Interesse geweckt haben?
Ich habe immer gerne andere Sportarten betrieben. Bis ich 14 Jahre alt war, habe ich ziemlich oft Leichtathletik gemacht, aber Hauptsportart blieb immer der Fussball.
War es wichtig für Sie, eine Mannschaftssportart auszuüben?
Wir Torhüter, ich nenne uns auch positive Psychos, sind eigentlich Einzelsportler in einem Team. Wir sind die Einzigen mit einem anderen Dress, dürfen den Ball in die Hände nehmen etc. Also mache ich Einzel- wie auch Teamsport.
Bei den F-Junioren spielten Sie auf jeder Position. Wann wurde aus Marco Wölfli ein Torhüter und warum?
Bei den F-Junioren hatte der Torhüter aufgehört und unser Trainer fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, ins Tor zu stehen. Bis zu den D-Junioren spielte ich oft eine Halbzeit im Tor und eine auf dem Feld. Auch heute noch betätige ich mich gerne als Feldspieler, nur sind die Gegenspieler nun etwas besser (lacht). In Trainingsspielen sieht man mich öfters als Feldspieler, das kommt mir im Tor zugute, vor allem seit der Rückpass-Regelung.
Sie sind in Grenchen aufgewachsen, Ihre Mutter ist Sizilianerin. Was bedeutet Ihnen Heimat und wo ist sie?
Meine Heimat ist Grenchen, da bin ich aufgewachsen. Als Jugendlicher waren wir jeden Sommer fünf Wochen in Sizilien, später ging das aufgrund des Fussballs nicht mehr. Wenn ich kann, gehe ich auch jetzt noch für ein paar Tage dahin, denn ich habe immer noch Verwandte da.
Seit 1998 spielen Sie, abgesehen von einem eineinhalbjährigen Gastspiel in Thun, bei den Berner Young Boys - die zweite Heimat?
Ja, auf jeden Fall. Ich wohne nun seit fünf Jahren in Bern, da hat man sich eingelebt und Freunde gefunden.
Als Sie 2003 von Thun zurück in die Hauptstadt kamen, eroberten Sie sich die Nummer-1-Position im Tor, und gaben diese bis heute nicht mehr ab. Wie hat sich die Person Marco Wölfli in diesen sechs Jahren als Mensch verändert, entwickelt?
Ich bin reifer geworden. Ich musste lernen, dass ab und zu weniger mehr sein kann. Es gab Momente, wo ich zu viel wollte, zu viel trainierte.
Die «Berner Zeitung» schrieb, dass Sie in dieser Zeitspanne auf dem Fussballplatz vom Hitzkopf zum Leader avancierten. Unterstützen Sie diese Ansicht?
Das stimmt wohl schon. Ich war früher aggressiv, das bin ich heute zwar auch noch, aber nun ist alles kontrolliert. Die Konzentration ist jetzt viel höher, der Fokus auf das Wesentliche ausgeprägter.
Petkovic schätzt ihre humorvolle Art, welche dem Team nütze. Wie sieht er denn aus, Ihr Humor?
Ich lache von Natur aus gerne. Man kann auch mit Spass hart und konzentriert arbeiten. Ohne Freude kann man keinen Erfolg haben. Und klar, ich necke gerne meine Teamspieler, das tut auch dem Teamgeist gut (lacht).
Ihre Karriere verläuft nach Plan: Nachwuchsländerspiele, Stammtorhüter in der Super League und der Sprung in die Nati. In Ihrem Vertrag bei YB haben Sie eine Ausstiegsklausel fürs Ausland, ist der Wechsel in eine ausländische Liga der nächste Schritt?
Ich muss zuerst meine Leistungen bei YB bringen. Vorerst kann ich vom Ausland träumen. Aber jetzt zählt nur die Arbeit bei YB.
Vor Beginn der aktuellen Saison wurden Sie mit Bundesliga-Aufsteiger Mainz in Verbindung gebracht. Wie konkret war dieses Thema für Sie?
Ich war zu dieser Zeit zum Glück in den Ferien (lacht). Ich will nicht einfach ins Ausland gehen, um einmal im Ausland gewesen zu sein. Ich muss den richtigen Zeitpunkt spüren. Hinzu kommt, dass ich mit YB etwas gewinnen will, dann schauen wir weiter.
Seit mehr als drei Jahren nehmen Sie die Dienste eines Sportpsychologen in Anspruch. Was erhoffen Sie sich dadurch?
Es interessierte mich, obwohl ich auf der mentalen Ebene schon immer gut war. Ich sagte mir, dass mir ein Mentaltraining nur helfen kann, warum sollte ich es dann nicht ausprobieren? Mein Sportpsychologe arbeitet jetzt auch mit der ganzen Mannschaft von YB. Auf unserem Niveau sind die Abläufe im Kopf sehr wichtig. Aber es bringt nur etwas, wenn man wirklich will.
Sie sind ab und zu auch im Training bei Boxprofi Ives Studer anzutreffen. Ist dies als Ausgleich zum Fussball zu verstehen?
Ich ging mal vor etwa vier Jahren vorbei und es gefiel mir sofort, es ist ein tolles Training. Es bringt mich weiter und ist eine gute Abwechslung.
Das Zuschlagen ist leider auch in der Fussball-Fan-Szene der Super League ein Thema. Wie kann aus Ihrer Sicht das Problem des Hooliganismus in der Schweiz am besten gelöst werden?
Das ist schwierig zu sagen. Vielleicht hat es auch mit der Mentalität der Leute zu tun. Das Ablassen von Pyros mag zwar gut ausschauen, aber es ist verboten und äusserst gefährlich. Ich finde das Vorgehen, mit den Videoaufnahmen die Täter zu eruieren, gut, vielleicht hilft das. Aber eben, eine gute Lösung zu finden ist schwierig.
Im letzten Saisonspiel gegen St. Gallen war die YB-Kurve vom Fussball-Verband gesperrt worden. Nützen solche Aktionen etwas?
Das Problem ist, dass dadurch vielfach die Spieler oder die «normalen» Fans darunter leiden. Aber auf der anderen Seite verstehe ich auch den Verband, der ja etwas unternehmen muss. Die ideale Lösung gibt es wohl nicht.
Anlässlich der Tour de France ist derzeit in den Medien auch das Doping ein viel diskutiertes Thema. Sind Sie damit im Fussball schon einmal konfrontiert worden?
Eher weniger, da es für mich noch nie ein Thema war und auch nie eines sein wird.
Ist Fussball frei von Doping?
Frei wohl nicht. Aber sicher nicht so verbreitet wie in anderen Sportarten. Es gibt wahrscheinlich in jeder Sportart Athleten, die der Meinung sind, dass sie dopen müssen, um zum Erfolg zu kommen. Ich denke, dass Doping im Fussball nicht so viel bringen würde, da andere Elemente wie Taktik, Spielintelligenz und Technik extrem wichtig sind.
Sie haben sich schon mehrmals als ein nach vorne blickender Mensch beschrieben, also keiner, der gerne zurückschaut. Weshalb?
Es bringt nicht viel, über Vergangenes zu sprechen, denn ändern kann man es nicht mehr. Ich bin ein positiv denkender Mensch, es nützt nichts, ständig an etwas zu nörgeln. Das möchte ich auch den Jungen weitergeben. Schaut vorwärts, denkt positiv.
Blicken Sie für uns nach vorne. Wie stark ist die YB-Mannschaft 2009/10?
Stark. Dass wir eine gute Mannschaft haben ist klar, das wissen wir. Wichtig war ein guter Saisonstart, den hatten wir zuletzt jeweils nicht. Ein wichtiger Punkt ist, dass wir Spass unter- und miteinander haben. Es müssen nicht 25 Freunde in einem Team sein, aber Respekt sollte da sein und im Training dürfen Freude und Spass nicht fehlen.
Was macht Marco Wölfli nach dem Karriereende?
Das ist schwer vorherzusagen. Da mache ich mir momentan noch nicht so viele Gedanken. Ob ich etwas mit oder ohne Fussball mache, steht noch in den Sternen. Es kann noch viel passieren.
http://sport.sf.tv/nachrichten/archiv/2009/07/25/fussball/woelfli_ich_bin_kontrolliert_aggressiv