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NZZ, 16.04.2006
Die YB-Routiniers im Gegenwind
Häberli, Sermeter und Magnin sind bei den Bernern oft nicht mehr erste Wahl
Von Christine Steffen
Als Thomas Häberli im Juli 2000 seine erste Partie für die Young Boys spielte, kam er nicht umhin, sich zu fragen: «Wo bin ich hier?» Die 2850 Zuschauer, die sich im verlotterten Wankdorfstadion verloren, pfiffen das Nationalliga-B-Team ungerührt aus. Es war die Zeit, als das Verhältnis zwischen Publikum und Verein derart angespannt war, dass die Spielerfrauen nicht mehr ins Stadion kamen, weil ihnen erzürnte Fans Bier entgegenschleuderten.
Misstrauen hatte bereits den Transfer Häberlis vom FC Basel an die Aare begleitet. «Könnt ihr überhaupt den Lohn zahlen?», wollte der Offensivspieler im ersten Telefongespräch wissen. Eine berechtigte Frage an einen Klub, der abgewirtschaftet am Boden lag und in der Saison davor gegen den Abstieg in die 1. Liga gekämpft hatte. Die neue sportliche Leitung, Trainer Marco Schällibaum und Sportchef Fredy Bickel, versprach, einen Schnitt zu machen. Häberli sah eine Perspektive, die Herausforderung reizte ihn - und schliesslich war «das Wankdorf immer noch das Wankdorf, auch wenn es fast zusammenfiel».
Bereits zwei Jahre später lernte Joël Magnin, der als ein Opfer des Konkurses des FC Lugano nach Bern wechselte, einen ganz anderen Klub kennen: «YB war nahe am Publikum. Die Leute identifizierten sich mit der Mannschaft. Das merkte man als Spieler.» Es war die Zeit, in der die Berner mit dem Slogan «YB macht glücklich» warben.
Seither ist kein Stein auf dem anderen geblieben: Bickel und Schällibaum, die den Traditionsklub 2001 in die oberste Liga geführt haben, sind Geschichte. Schällibaums Nachfolger Hans-Peter Zaugg musste im Herbst seinen Platz für Gernot Rohr räumen, als YB nicht vom Fleck kam. Das Neufeld, kurz aus dem Dornröschenschlaf geküsst, durfte endgültig zurückfallen in die Beschaulichkeit, und YB braucht im neuen Stade de Suisse nach dem harzigen Start vor allem eines: den schnellen Erfolg. Für ihn wird der Verein auf den Kopf gestellt. In den letzten zwölf Monaten gab es über 45 Mutationen. Vom Sportchef über das halbe Team bis hin zur Klubführung und zum Physiotherapeuten wurden die Positionen neu besetzt.
Gürkan Sermeter, ebenfalls seit sechs Jahren bei den Young Boys, konnte seine Stelle - wie Magnin und Häberli - im Sturm, der über alles hinwegfegte, behalten. Dass der 32-Jährige am Zürichsee aufgewachsen ist, verrät einzig der Dialekt. Sermeter schenkte sein Herz 1996 den Gelb-Schwarzen, als er für ein halbes Jahr vom GC nach Bern ausgeliehen worden war. Die Liebe hielt: Er half in den harten Jahren mit, den «schlafenden Riesen» zu wecken, genoss die vergleichsweise unbeschwerte Zeit im Neufeldstadion und verschweigt nicht den stotternden Start im vergangenen Sommer im Stade de Suisse. «Der Erfolg, den wir in der Saison 2003/04 im Neufeld hatten, kam zu früh», sagt Sermeter - «oder das neue Stadion zu spät.» Die Young Boys hatten die Saison hinter dem FC Basel auf Platz 2 beendet und spielten in der Champions-League-Qualifikation. Die Leute hätten angenommen, dass es automatisch so weitergehe, erinnert sich Sermeter. «Wir Spieler wussten, dass es schwierig werden würde», sagt Joël Magnin, «und wir hatten Recht.» Trainer Zaugg habe im Hinblick auf die Ansprüche, die im neuen Stadion gestellt würden, Verstärkungen gefordert, so Sermeter, «aber man zog die Handbremse». Heute habe sich die Einsicht durchgesetzt, dass es sportlich besser gewesen wäre, früher zu investieren, sagt Thomas Häberli, «aber das Stadion stand noch nicht, und die Sponsoren waren nicht bereit.»
Dafür zog das Tempo in den letzten Monaten deutlich an. Der Aktivismus, der das schlingernde YB-Schiff auf Kurs bringen sollte, forderte den Spielern viel ab. «Wir sollten eine Ambiance kreieren im Team, aber wie ist das möglich, wenn jeden Monat drei Spieler gehen und drei neue kommen?», fragt Magnin. Er versteht, dass die Identifikation des Publikums mit seinem Klub nur langsam voranschreitet. «Sie gewöhnen sich an einen Spieler, in der nächsten Woche laufen drei neue ein und zwei Wochen später noch einmal fünf.» Mit dem Ende der Transferperiode ist die Stabilität im Team gewachsen. «Jetzt ist die Zeit der Ausreden vorbei», findet Sermeter. Er gibt inständig einer Hoffnung Ausdruck, die Joël Magnin teilt: dass das Team in der nächsten Saison zusammenbleibt. Die zahlreichen Transfers treffen die Routiniers aber auch ganz direkt. Alle drei können zurzeit nicht auf einen Stammplatz zählen. Das trifft sie unterschiedlich. Für Magnin, den 35-Jährigen, ist es «okay», dass er nicht in jedem Spiel gesetzt ist. Thomas Häberli hingegen verzieht das Gesicht und möchte am liebsten gar nichts sagen. Vor allem will er nicht die Geschichten vom letzten Sommer aufwärmen, als ihm Offerten anderer Klubs vorlagen, ein Transfer aber an der hohen Ablösesumme, die YB verlangte, scheiterte. Wie schwierig es für ihn ist, zeigt sich, als er den Fotografen halb im Scherz bittet, ihn für das Bild nur ja nicht auf die Ersatzbank zu setzen. Als «nicht einfach» bezeichnet auch Sermeter seine Situation. Er kämpft sich nach einer Verletzung ins Team zurück und erfährt, dass die neuen Spieler «Kredit geniessen». Es sei verständlich, dass sie vorgezogen würden, sagt Sermeter, «aber am Schluss zählt nur Leistung». Seine soll so überzeugend sein, dass der Trainer künftig nicht mehr an ihm vorbeikommt.
Auch wenn im Fussball der Blick immer nach vorne gerichtet ist - was vermissen Thomas Häberli, Gürkan Sermeter und Joël Magnin am neuen YB? Häberli zögert, sagt schliesslich: «Man verliert immer wieder etwas. Nicht nur im Fussball.» Magnin redet vom Kontakt mit den Fans. «Man war nah am Volk im Neufeld.» Sermeter kämpft mit der Frage. Möglicherweise verletze man jemanden, wenn man sage, dass man etwas vermisse. Aber klar: Ihm fehle der Physiotherapeut Fredy Häner, der über 40 Jahre bei YB gewesen sei. «Und der Container beim Trainingsplatz Schönbühl vielleicht.»
_________________ For Ever
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