Bund, 10.08.2006
Auf dem Weg zum bissigen Wolf
Nach seinem Fehler am Wochenende in Zürich ist das heutige Heimspiel gegen Marseille für Marco Wölfli auch eine Chance zur Rehabilitierung. Und es ist eine Gelegenheit zur Profilierung. Denn der 23-Jährige hat hohe Ziele.
Marco Wölfli hat sich bei YB zum Leader entwickelt. / Keystone
Das Haar ist prächtig gelockt, die Locken sind gewachsen und auffallend, sie korrespondieren mit dem Auftreten Marco Wölflis. Selbstbewusst ist der Torhüter, im Gespräch artikuliert er sich gleichwohl angenehm zurückhaltend. Es ist eine Mischung aus gesundem Selbstvertrauen und sympathischer Bescheidenheit. «Ich bin einer der Leistungsträger und Wortführer bei YB», sagt er zum Beispiel. «Aber das hängt halt auch damit zusammen, dass ich schon lange im Verein bin.» 1999 hat er für YB, als 17-jähriges Talent, eine Partie in der NLB gegen Nyon absolvieren dürfen. Nach Wander- und Lehrjahren ist Wölfli jetzt auf dem Weg zum bissigen Wolf. «Ja, ich habe mich entwickelt», sagt der 23-Jährige. Reifer geworden und ausgeglichener sei er, und er habe die innere Balance gefunden, um sich vom zuweilen grausam einsamen Job zwischen den Pfosten nicht fertig machen zu lassen. Regelmässig arbeitet er mit dem Berner Sportpsychologen Jörg Wetzel zusammen. «Ich war mental immer sehr stabil», sagt Wölfli, «aber es schadet nicht, wenn man sich mit einem Experten austauschen kann.»
Noch immer sehr jung
Das Torhüterdasein sei mit extremem Druck verbunden, vor allem bei einem Spitzenklub wie YB. Seit zwei Jahren ist Wölfli, nach einem eineinhalbjährigen Abstecher zum FC Thun, jetzt die Nummer eins in Bern. In der letzten Saison hat er sich gegen Patrick Bettoni durchgesetzt, und auch jetzt ist sein Status als Nummer-1-Goalie relativ fest zementiert. «Wölfli ist ein guter Torhüter. Er arbeitet hart, und er ist körperlich in einem ausgezeichneten Zustand», lobt Trainer Gernot Rohr. Und: «Wölfli ist für einen Goalie noch sehr jung.»
Man sagt ja, Torhüter seien wie gute Weine: je reifer, desto besser. «Ich kann mich noch in allen Bereichen verbessern», sagt Wölfli. Bei YB besitzt er einen Vertrag bis 2009, und er will seine Karriere Schritt für Schritt vorantreiben. «Das sage ich nicht einfach so, weil es gut tönt», sagt Wölfli mit energischem Blick. «Ich lasse mich nicht mehr stressen, wenn ich ein Ziel nicht sofort erreiche.»
Titel will er mit YB gewinnen; aber der letzte Cupfinal gegen Sion wurde verloren. Ins Nationalteam möchte er; aber auf dem Weg dorthin hat Wölfli stagniert. «Meine Konzentration gilt YB. Es ist wunderbar, jeden Tag in diesem tollen Stadion trainieren zu dürfen», sagt Wölfli. Er sitzt im Stadionrestaurant Eleven, und wie er so spricht und gestikuliert, spürt man seine Zufriedenheit. Seit einigen Monaten wohnt er in Bern und nicht mehr im elterlichen Haus in Grenchen. «Das ist ein weiterer kleiner Schritt auf meinem Lebensweg», sagt Wölfli sehr erwachsen. Manchmal, wenn Joël Magnin und Thomas Häberli auf der Bank sitzen, ist er sogar YB-Captain. «Das ist eine grosse Ehre. Aber mein Glück hängt nicht von der Binde am Arm ab.»
«Ein grossartiges Spiel»
Erstaunlich cool gibt sich der ehemalige U21-Nationaltorhüter. Am letzten Samstag hat er beim FC Zürich nach einem fürchterlichen Fehler den Penalty zum 1:3 verursacht und gleich noch die rote Karte gesehen. «Schlimmer kann es nicht gehen», sagt Wölfli. Aber er habe sich auch diese Partie, wie alle anderen, noch einmal auf Video angesehen, er habe sich beim Team für seinen Fehler entschuldigt, doch jetzt blicke er nach vorne. «Wenn man sich zu lange mit Rückschlägen beschäftigt, geht man kaputt», sagt Wölfli. Er sei ein positiv denkender Mensch, und zum Glück folge schon am Donnerstag gegen Marseille die Chance zur Rehabilitation. «Das ist ein grossartiges Spiel für YB», schwärmt er.
Zum Abschluss des Gesprächs wird Marco Wölfli nachdenklich. «Manchmal vermisse ich in den Medien ein bisschen die Wertschätzung.» Er habe das Gefühl, seine Fehler würden immer besonders stark seziert. Andere, jüngere Goalies wie Diego Benaglio, der in Portugal spielt, oder Eldin Jakupovic, der mit Thun in der Champions League brilliert hatte, haben ihn zuletzt in der helvetischen Torhüterhierarchie links und rechts überholt. «Sie haben davon profitiert, in internationalen Partien gut gespielt zu haben», sagt Wölfli. So gesehen ist das Treffen mit Olympique Marseille für ihn auch eine Chance zur Profilierung.