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Sport Magazin; 01.11.2006
Drama Fussballkarriere
Acht Klubs in acht Jahren: Elvir Melunovic blickt mit seinen 27 Jahren auf eine wechselvolle Karriere zurück. Der einstige U21-Titane spielt bei Xamax bereits um seine letzte Chance. Eine Geschichte über Lügen, Enttäuschungen und falsche Freunde. Filmreif.
Text: Yann Cherix Fotos: Kilian J. Kessler
Und plötzlich haut er auf den Tisch und blickt wortlos auf den See hinaus. Für einen kurzen Moment ist es still. Er hat die letzte halbe Stunde atemlos geredet und manchmal, wenn er sich an seine verschiedenen Berater, Einflüsterer und falschen Freunde erinnerte, gar geflucht. Elvir Melunovic, Spieler beim Challenge-League-Klub Neuchâtel Xamax, schaut auf den nebelverhangenen Neuenburgersee, der an diesem Tag auch den Gutgelaunten die Freude nimmt, und schüttelt den Kopf. «Alle diese Geschichten. Ich hab doch gopfertelli niemandem etwas getan.»
Zorn fegt nur ganz kurz über sein Gesicht, das ansonsten keine Schatten kennt. Wieder lacht er, wie so oft, und zeigt dabei seine etwas schiefen Schneidezähne, die ihm eine lustige Note verleihen. Ein Sympathieträger. Darum fiebert, nein, leidet man bei seinen Erzählungen erst recht mit. Er gäbe eine gute Vorlage für die klassische Rolle des tragischen Helden ab. Und wäre sein Leben ein Film, würde das Drehbuch beim Tiefpunkt beginnen.
Lassen wir ihn darum von diesem Samstag im Jahr 2003 erzählen. Melunovic ist zu dieser Zeit arbeitslos. «Es ist relativ früh am Morgen, die Koffer sind gepackt, ich sitze im Wohnzimmer und erwarte meinen Berater aus Genf, der mich zum Flughafen bringen soll. Ziel: Gijon in Spanien. Ich soll dort ins Trainingslager einrücken. Die wollen mich unbedingt, hat der Berater gesagt, und der Vertrag liege zur Unterschrift bereit. Ich freue mich und habe mich am Abend zuvor von den Freunden verabschiedet. Und nun warte ich. Endlich ist meine Leidenszeit vorbei, endlich kann ich wieder richtig Fussball spielen. Mein Berater taucht aber nicht auf. Ich rufe ihn an, doch er nimmt nicht ab. Ich sollte es an diesem Tag alle paar Minuten versuchen. Bis heute habe ich nichts mehr von ihm gehört.» Er ballt die Faust und fügt an, dass er nicht weiss, was er tun würde, wenn er diesem Spielerberater noch einmal über den Weg laufen würde.
Der Bösewicht, der Gegenspieler des Protagonisten ist damit eingeführt. Beim Drama von Melunovic sind dies die Spielerberater im Allgemeinen. Er sagt: «Die haben mich alle immer nur verarscht.»
Rückblende: Der erste Berater ist ein Freund der Familie, ein Anwalt aus Bern, der sich im harten Fussballbusiness kaum auskennt. Er vertritt den jungen Spieler, der gleich neben dem Aarauer Stadion Brügglifeld als Sohn serbischer Einwanderer aufwächst und mit 17 Jahren in der Nationalliga A debütiert. Bald spielt er auch in der Schweizer Nachwuchsauswahl. Servette Genf, damals eine der besten Adressen im Schweizer Fussball, verpflichtet 1998 den jungen Aarauer. Die Chefetage des FCA tobt. Es wird behauptet, dass sie per Handschlag bereits einen Vertrag besiegelt hätten. Und nun gingen Melunovic und sein Berater einfach durch die Hintertüre, und das nur, weil er in Genf mit 5400 Franken im Monat rund das Doppelte verdiene. «Stimmt nicht», sagt der Betroffene heute. «Ich habe in Genf nur ein bisschen mehr gekriegt. Entscheidend war, dass ich in Aarau nie den nötigen Rückhalt gespürt habe. Stets wurden mir andere vorgezogen.»
Melunovic verlässt seinen Jugendverein im Unfrieden, doch für den Teenager wird mit dem Transfer zu Servette ein Traum wahr. Fussballprofi, endlich! Dass er die KV-Abschlussprüfung nur ganz knapp nicht besteht, ist zu diesem Zeitpunkt nicht mehr wichtig.
«Mental ein Jahr tschüss»
Für den Senkrechtstarter aus einfachen Verhältnissen beginnt nun die Phase, die im Film mit temporeicher, fröhlicher Musik unterlegt wäre: Nach zwei Jahren bei Servette erfolgt der Wechsel zu GC mit einem Handgeld von etwas mehr als 100 000 Franken. Und vor allem: Er ist Mitglied der U21-Titanen, die im eigenen Land bis in die EM-Halbfinals stürmen. Melunovic ist ein gefeierter Held.
Und nun, man ahnt es, beginnt die Leidenszeit des Elvir Melunovic. Die Filmmusik wechselt ins Moll. GC-Trainer Marcel Koller setzt nicht auf ihn. Koller, heute beim Bundesligisten Bochum, erinnert sich: «Er war ein guter Linksfuss, aber für die hohen Ansprüche von GC hat es nicht ganz gereicht. Vielleicht hatte er auch zu wenig Biss. Wenn ich mir seine Stationen anschaue, habe ich ja Recht gehabt.»
Für den jungen, selbstbewussten Helden, noch von der EM aufgeputscht, war die Begegnung mit Marcel Koller ein traumatisches Erlebnis. Was der damalige GC-Coach ihm zugefügt habe, hätte ihm «die Beine abgeschnitten». Lassen wir ihn darum wieder erzählen: «Es war kurz vor dem Saisonstart. Koller rief uns am Ende des Trainings alle in den Mittelkreis und gab das Team bekannt, das die Meisterschaft bestreiten würde. Ich hatte am Tag zuvor in einem Testspiel ein Tor gemacht und zwei Assists gegeben. Ich fühlte mich gut. Dann sagte er vor allen anderen: "Der Einzige, der einen neuen Klub suchen darf, ist Elvir." Vor allen Spielern! Kann man sich das vorstellen? Ich war am Boden zerstört, mental ein Jahr tschüss.»
«Brutal schuld am Ganzen»
Der gestürzte Titane mit einem Drei-Jahres-Vertrag wurde abgeschoben - zu Aarau. Er landete ausgerechnet wieder bei dem Klub, den er drei Jahre zuvor im Unfrieden verlassen hatte. «Ein kapitaler Fehler. Ich hätte einfach bei GC bleiben und meinen Vertrag absitzen sollen. Sicherlich wären bald Interessenten gekommen. Ich wurde einfach schlecht beraten. Dieser Berner Anwalt ist brutal schuld am Ganzen. Als ich das begriffen hatte, war es bereits zu spät.»
Es folgt 2003, für Melunovic ein Katastrophenjahr. Es ist auch die Zeit, in der der junge Kicker seinen Ruf ruiniert. Mit lustlosen Auftritten im Aarauer Dress baut er in der Szene an seinem Negativ-Image als fauler Fussballer. Die Rückkehr zum Klub seiner Jugend gerät zum Totalausfall, und das einstige Super-Talent landet beim «FC Arbeitslos». Zusammen mit den Leidensgenossen Franco Di Jorio, Michail Kawelaschwili und Nenad Savic versucht er sich mit regelmässigen Einheiten fit zu halten. Doch die Freude am Fussball ist weg. «Ich hätte genauso gut in die Badi gehen können.» Aber der Tiefpunkt ist noch nicht erreicht. Was folgt, ist mittlerweile bekannt. Elvir Melunovic sollte an einem Samstagmorgen auf gepackten Koffern sitzen und vergeblich auf seinen Genfer Berater warten.
Tragische Filmhelden müssen zuerst leiden, bevor sie glorreich aufsteigen können. Wäre Melunovic' Leben tatsächlich ein Film, der dem klassischen Plot folgt, wäre spätestens jetzt Zeit für den Aufschwung. Der Held hat genug gelitten.
«Ein grosses Fragezeichen»
Dies scheint auch Hanspeter Zaugg, damals Trainer bei den Young Boys, zu denken. Er holt den Fussballer auf dem Abstellgleis nach Bern. In der Hauptstadt sind die Ambitionen gross, das Umfeld ist professionell und Melunovic findet zurück zu seiner liebsten Tätigkeit: Fussballspielen. Doch wieder nimmt der inzwischen 26-Jährige die falsche Wegabzweigung.
«Ich war bei YB in meiner zweiten Saison, alles sah gut aus. Die Verantwortlichen hatten mir bereits einen Vertrag vorgelegt, um zu verlängern. Doch ich liess das Papier noch in meiner Schublade, denn ein Trainer aus der französischen Ligue 1 war sehr interessiert. Mein neuer Berater sagte mir: "Unterschreib nicht bei YB." Also wartete ich. Schliesslich wurde dieser französische Trainer plötzlich entlassen und die ganze Sache war gestorben. Nun wollte ich bei YB bleiben, doch dort sagte man mir, dass es jetzt zu spät sei.»
Wir, die Zuschauer, realisieren spätestens jetzt. Sein Leben folgt nicht der perfekten Dramaturgie eines Films. Denn auch in Italien, Melunovic' Berater hat ihn mittlerweile in die Serie C1 nach Sambenedettese gelotst, findet er statt Glück nur Pech. «Lo Svizzerotto» sieht während Monaten keinen Cent Lohn. Enttäuscht kehrt er zurück in die Heimat und verdingt sich 2005 bei Schaffhausen und Wil.
«Was mit mir passiert ist, verstehe ich nicht. Das ist alles ein grosses Fragezeichen. Ich weiss nur eines: Ich wurde stets schlecht beraten.» Noch einmal blickt er auf den grauen Neuenburgersee hinaus und sagt: «Das ist jetzt aber alles Vergangenheit. Ich will jetzt bei Xamax endlich wieder Erfolg haben.» Das Umfeld mit Sportchef Hanspeter Zaugg und Trainer Castella stimme, das bald fertig gestellte Stadion sei eine Wucht und die Ambitionen gross. Er fühlt sich wohl in Neuenburg. Vielleicht gibt es für Elvir Melunovic doch noch ein Happy-End.
Das Spanien-Angebot
«Es ist relativ früh am Morgen, die Koffer sind gepackt, ich sitze im Wohnzimmer und erwarte meinen Berater aus Genf, der mich zum Flughafen bringen soll. Ziel: Gijon in Spanien. Mein Berater taucht aber nicht auf. Ich rufe ihn an, doch er nimmt nicht ab. Ich sollte es an diesem Tag alle paar Minuten versuchen. Bis heute habe ich nichts mehr von ihm gehört.»
Elvir über seinen Wechsel von Aarau zu Servette
«Ich habe in Genf nur ein bisschen mehr gekriegt. Entscheidend war, dass ich in Aarau nie den nötigen Rückhalt gespürt habe. Stets wurden mir andere vorgezogen.»
Marcel Koller, Elvirs Trainer bei GC, über seinen ehemaligen Schützling
«Er war ein guter Linksfuss, aber für die hohen Ansprüche von GC hat es nicht ganz gereicht. Vielleicht hatte er auch zu wenig Biss. Wenn ich mir seine Stationen anschaue, habe ich ja Recht gehabt.»
Seine Vergangenheit
«Was mit mir passiert ist, verstehe ich nicht. Das ist alles ein grosses Fragezeichen. Ich weiss nur eines: Ich wurde stets schlecht beraten.»
Seine Zukunft
«Ich will jetzt bei Xamax endlich wieder Erfolg haben.» Das Umfeld mit Hanspeter Zaugg und Trainer Castella stimme, das bald fertig gestellte Stadion sei eine Wucht und die Ambitionen gross. Er fühlt sich wohl in Neuenburg.
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