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 Beitrag Verfasst: Freitag 8. Juli 2005, 23:29 
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Bern macht sich auf die Socken
Neues Stadion, Lachs statt Bratwurst und Hakan Yakin als Attraktion: Die Young Boys wollen dem FC Basel einheizen. Doch Lifestyle- Getue allein bringt keinen Erfolg. In Bern fehlen noch ein paar Millionen – für einen gefährlichen Stürmer.

Von David Wiederkehr
Meister mit acht Punkten Vorsprung. Der das vor einem Jahr versprach, heisst Marc Roger und war Investor bei Servette Genf. Doch statt Meister wurde Servette zwangsrelegiert, und seither steht in Genf ein modernes Stadion, das niemand braucht. Aus Fehlern, auch wenn sie andere begehen, lernt man. Darum träumen die Berner nicht, sondern halten sich zurück. Die Young Boys haben ein neues Stadion. Es heisst Stade de Suisse, wird Ende Juli eröffnet und ist das dritte Schweizer EM- Stadion nach jenen in Basel und Genf. Vom Meistertitel sprechen sie nicht unter den Lauben der Hauptstadt. « Man kann auch Meister werden, ohne gross zu plagieren » , sagt Trainer Hans- Peter Zaugg, 52. « Wenn wir aber am Schluss Meister sind, bin ich der Letzte, der sagt: ‹ Scheisse, das wollte ich doch gar nicht werden.› » Natürlich wollen sie es werden. Aber können sie es auch? Der FC Basel war zuletzt unerreichbar, selbst wenn er zwischendurch schwächelte. Zaugg sagt: « Wenn man den Quervergleich macht, hat Basel weiterhin die besseren Möglichkeiten als wir. » Die Basler haushalten mit 30 Millionen Franken – etwa mit doppelt so viel wie die Berner. Sie haben die besseren Einzelspieler und, trotz Abgängen, die gefestigtere Mannschaft.
Zehn Neue hat YB in diesem Sommer gekauft. Allerdings: « Die sind so gut integriert, als wären sie schon drei Jahre hier » , sagt Gürkan Sermeter, 31. Er ist seit fünf Jahren in Bern und damit der dienstälteste Spieler im Kader. Als Einziger spielte er noch im alten Wankdorf, er kickte im Neufeld, wohin YB für vier Jahre ausweichen musste. Und nun zieht Sermeter mit ins Stade de Suisse. Er sagt: « Es macht mich unheimlich stolz, dass ich mit YB in dieses Stadion ziehen darf. » Es sei das Schmuckstück der Stadt, « schöner als die Stadien in Basel und Genf zusammen » . Seine Augen leuchten. « Ich freue mich » , sagt er. Das Stadion. Ein einzigartiger Bau. Auf dem Dach ist das grösste Solarkraftwerk der Schweiz installiert. 32000 Zuschauer haben Platz, von 186 Logen sind die meisten verkauft. Fussball ist in Bern nicht mehr baufälliges Wankdorf, nicht mehr provinzielles Neufeld, sondern prunkvolles und pompöses Stade de Suisse. Lachs statt Bratwurst, Sitzplatz statt Stehrampe, Familien statt Randalierer. Auch wenn ihn die schreiende Masse verabscheut: Der Lifestyle- Fussball hat Bern erfasst, und Trainer Zaugg sagt: « Nur mit Fans allein lässt sich Fussball nicht finanzieren. » Vorbild ist der Meister aus Basel. « Alle haben gesehen, was dank eines neuen Stadions möglich ist » , sagt Zaugg. Darbten die Basler jahrelang, so boten sich ihnen im Sankt- Jakob- Park plötzlich Möglichkeiten, Spieler zu kaufen, um die auch andere Topvereine Europas gebuhlt hatten. Dank Champions League und Chemiemillionen hat Basel glamouröse Züge angenommen. « Wenn wir es in Bern schlau anstellen, ist etwas Ähnliches möglich » , findet Zaugg. Stadion gleich mehr Zuschauer, gleich mehr Einnahmen. Eine Rechnung, die aufgeht – wenn sie nicht in Genf gemacht wird. Er hätte, sagte Stadionbetreiber Peter Jauch der « Bilanz » , in den vergangenen Jahren 25 neue Stadien in ganz Europa besichtigt. Dabei seien die Zuschauerzahlen nach der Eröffnung durchwegs gestiegen, in einem Fall um das Zehnfache In Bern erwartet er 20 000 Eintritte pro Spiel, 7372 hatte YB in der vergangenen Saison im Neufeld. Zweitens gilt, dass mit einem modernen Stadion die Chancen auf dem Transfermarkt steigen. YB nutzte dies aus und führte potenzielle Zuzüge ins Stade de Suisse. Pirmin Schwegler etwa hat das den Kopf verdreht. Das Supertalent aus Luzern wechselte zu Bayer Leverkusen, wollte aber bis zur Beendigung seiner Lehre in zwei Jahren an einen Super- League- Klub ausgeliehen werden. Er entschied sich für YB. Auch bei Mario Raimondi hatte der selten geizige FC Zürich das Nachsehen. Und Hakan Yakin sagt: « Das Stadion war entscheidend für meinen Wechsel zu YB. »


Neu mit einem Stern auf der Brust


Die Young Boys blasen zum Halali auf den Meister. « Wir wollen die Basler kitzeln » , sagt Gürkan Sermeter und fügt an: « Oder noch mehr. Zwar sind sie uns noch voraus, aber wir werden Boden gutmachen. Schritt für Schritt. » Ein erster war, dass nach GC, Servette und Basel auch YB nach dem Stern griff. In der Schweiz darf ein Klub dann seinem Logo einen Stern beifügen, wenn er zehnmal Meister geworden ist. Dem FCB war dies 2004 gelungen. Er hat den Stern mit einer riesigen Stadionchoreografie zelebriert. Schon seit 1960 wäre YB sternberechtigt. Die etwas langsameren Berner bemerkten das erst diesen Sommer. Ab nächster Saison tragen sie einen Stern auf der Brust. Auf dem Platz heisst der Stern Hakan Yakin. Der Mittelfeldspieler, 28, war einst die Stütze der Nationalmannschaft. Nach einer Odyssee durch Europa ( Paris, Stuttgart, Istanbul) ist der frühere Basler in die Schweiz zurückgekrebst. « Ich bin bereit » , sagt er, « und möchte mit YB etwas erreichen. » Was? « Dazu beitragen, dass in Bern eine ähnliche Euphorie entsteht wie damals in Basel. Ich bin sicher, dass das möglich ist. » Yakin war dabei, als der FCB 2001 in den Sankt- Jakob- Park einzog, war Teil des Champions- League- Teams 2002 und zuvor und danach nie so gut wie zu jener Zeit. Jetzt steht er vor einem Neubeginn. « Ich bin hier, um zu lernen, und will Verantwortung übernehmen » , sagt Yakin. Er gibt sich Mühe, reif zu wirken. Der Transfer war ein durchdachter Zug der Young Boys, einer mit Signalwirkung. Yakin ist in der Schweiz ein Star, er polarisiert, sticht heraus, bewegt die Leute. « Wenn er sich wohl fühlt, kann er der alte Hakan werden. Und dann werden alle Spass an ihm haben » , sagt Trainer Zaugg.


Ein Stürmer wie Chapuisat fehlt


Dass der Basel- Jäger den professionellen Ansprüchen noch nicht ganz gewachsen ist, bewies die Komödie um Tiago. Der Brasilianer kam von Barcelona nach Bern. Er war allerdings nicht Stammspieler beim spanischen Grossklub, sondern höchstens Ersatz. Trotzdem verkaufte ihn YB der Öffentlichkeit als Bombentransfer. Der Ärger der Fans war rascher verflogen als das Geschrei des Boulevards. Denn Tiago ist eine Verstärkung für den Schwachpunkt des YB- Teams: die Verteidigung. Mit anderen neuen Spielern ist das ähnlich, und darum darf sich Bern darüber freuen, dass der Klub als Transfersieger der Super League gilt. Wohl ist YB – mit dem neuen Stadion, der neuen Mannschaft, dem neuen Star – zum Erfolg verdammt; doch ein Selbstläufer wird das nicht. So fehlt dem Team ein Stürmer wie der zurückgetretene Stéphane Chapuisat. Zaugg dachte an Johan Vonlanthen, den jungen Nationalspieler. Diesen aber kann nicht einmal das Stade de Suisse beeindrucken. Er will in Holland bleiben, wo er dem PSV Eindhoven gehört. An eine Rückkehr in die Schweiz verschwendet er keinen Gedanken.
Weil YB diesen Monat seine zweite Geburt feiert, stehen die Protagonisten gleichermassen unter Strom und Druck. « Die Erwartungen sind gross » , sagt Zaugg, und er weiss, wie schnell die Trainerfrage gestellt werden könnte. Er ist in dieser Übergangssaison nicht nur Jäger und Punktesammler, sondern in der Pflicht, mit attraktivem Fussball auch jene ins Stade de Suisse zu locken, die nie ins Wankdorf oder Neufeld gekommen waren.
Zaugg stellt sich dieser Herausforderung gern, weil er sie als schöne Aufgabe betrachtet. Seinen Spielern hat er mitgegeben: « Wir sind alle im selben Boot. Arbeitet miteinander und füreinander. Kämpft. Gebt alles. Dann » , sagt er, « kann uns keiner einen Vorwurf machen. » Vorwürfe, wie sie sich Marc Roger in Genf oft anhören musste. Nicht nur den Meistertitel, auch Millionen Franken hatte er Servette versprochen.
Anfang Woche wurde er aus der Untersuchungshaft entlassen.


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 Beitrag Verfasst: Freitag 8. Juli 2005, 23:30 
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Phrasen auf Kunstrasen
Die Eröffnungsparty eine Farce, das Team grossspurig angekündigt, aber noch nicht gross. Wie um Himmels willen will YB im neuen Wankdorf reüssieren?


Ins neue Stadion würden meine Young Boys so wenig passen wie eine Punkband ins Opernhaus, schrieb ich vor vier Jahren in FACTS. Und jetzt ziehen sie gopfertelli ein ins 365 Millionen Franken teure neue Wankdorf, hochtrabend Stade de Suisse benannt – was natürlich schon eine Lüge ist, der Schweizer Cupfinal findet ja weiter in Basel statt. Ins versiffte alte Wankdorf passte mein YB. Und noch viel besser ins schnuckelige kleine Neufeld, wohin es während des Neubaus auswich. Im Neufeld mit seinem geraniengeschmückten Chalet, hier konnte man selbst im Erfolg mit der Loser- Mentalität kokettieren, hier liess sie sich zelebrieren, die Aussenseiterpose, in der Bern so gern verharrt. Dass wir Fans uns ein linksalternatives, subkulturelles Image zurechtlegten, war einäugig. Wenn man kiffend beim Corner auf der Rampe stand, überhörte man halt gern, wie die Neonazis – auch sie in YB- Kluft – den tamilischen Bierverkäufer verhöhnten. Lieber skandierte man mit stadtbekannten DJs und Modedesignerinnen zu Ehren der Publikumslieblinge Petrosjan und Wardanjan « Hurra, hurra Armenia! » . Politkitsch, wie er sonst nur in der FCZ- Südkurve zu hören ist. Im Neufeld dampfte David- gegen- Goliath- Romantik – und die Restschweiz fands herzig: Man hat die Kleinen einfach lieber. Jetzt muss YB gross sein. Fans und Klub müssen umdenken. Was eben noch sympathisch provinziell war, erscheint nun als unprofessionell. Wer auf Ticketsuche bscyb. ch anklickte, fand dort vor wenigen Tagen noch die alten Preise für die längst abgelaufene Spielzeit im Neufeld. Das ist typisch für YB: grossspurig, aber noch nicht gross. Stadion- und Klubmanager Peter Jauch, für Freunde « der Pedro » , aber er hat in Bern keine Freunde, reüssierte in Basel in gleicher Funktion nicht. Jetzt will ers den Baslern heimzahlen, täglich überbietet er sich mit neuen Sprüchen. Sein liebster: « Das Stadion ist der Star. » Unsinn. Das Team müsste der Star sein. Nur hat Bern keine Zürcher Bankiers und schon gar keine angeheiratete Steinreiche wie Gigi Oeri, sondern einzig den Bernburger Charles von Graffenried, und der verliert sein Geld lieber mit der Herausgabe
zweier konkurrierender Tageszeitungen als auf dem Fussballplatz. Deshalb waren die ersten YB- Zuzüge jämmerlich. Der Brasilianer Tiago, mit Pomp als Barcelona- Star präsentiert, erwies sich als Reservist der Reserven, und als die halbe Schweiz darüber lachte, schickte Jauch hurtig die Meldung hinterher, man habe Hakan Yakin verpflichtet, der sei topfit. Schon wieder eine Lüge: Bereits zum ersten Ernstkampf im belgischen Westerlo durfte Yakin nicht mitreisen: konditionelle Mängel. Hat uns gerade noch gefehlt, dieser Wirrkopf Yakin.
Und keinem der eitlen älteren Herren im Umfeld gehts um Fussball. Stapi Alex Tschäppät, der apolitische Marketing- Clown, schmollt, weil nicht er das Stadionprojekt durchboxte, sondern der schöne Baulöwe Bruno Marazzi.
Der wiederum hat die Macht über sein Lebenswerk an Jauch verloren, den Mischler, der sich von seinem neusten Aktionär verdrängt sieht, dem notorisch kamerageilen Phonak- Eigner Andy Rihs. Wie die Investoren Benno Oertig und Urs Meile ist Velofan Rihs keineswegs am Fussball interessiert, sondern am, wie es stets heisst, gigantischen Ertrag eines multifunktionalen Stadions. Ähnlich schwafelten sie in Genf, wo die Zwangsversteigerung einer Neubauruine ansteht.
Noch hat Hockeykonkurrent SCB doppelt so viele Zuschauer – YB ist von einer Basler Euphorie weit entfernt. Tritt sie jedoch nicht ein, wirds ruinös. Den Phrasen muss ein Tatbeweis auf dem Kunstrasen folgen. Doch fürs Erste lässt YB vom sauteuren PR- Mann Sacha Wigdorovits warme Luft verbreiten, verspricht es die « spektakulärste Eröffnungsshow der Schweiz » – und bietet statt internationaler Grössen den unbekannten Ray Wilko. Als gälte es, das Jugendhaus Tägertschi einzuweihen. Niemals, auch dies schrieb ich vor vier Jahren in FACTS, würde ich ins neue Stadion pilgern. Was natürlich ebenfalls eine Lüge war. Klar geh ich am 31. Juli ans Eröffnungsspiel. Am Ende werde ich sogar diesem Idioten Yakin zujubeln.


Bänz Friedli, 40, ist Hausmann in Zürich und unverbesserlicher YB- Fan.


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