|
NZZ, 12.2.2005
Das Schweigen der Berner
Der Trainer ist brav und das Budget ein Tabu - YB vor den letzten Monaten im Neufeld
Die Young Boys trainieren auf den unschönen Plätzen Schönbühls, tragen ihre Heimspiele im alten Neufeld-Stadion aus und sprechen unentwegt freudvoll von der im Sommer bevorstehenden Rückkehr ins Wankdorf, das im neuen Kleid aber Stade de Suisse heissen soll. Kontraste allenthalben. So war passend, dass YB am Mittwochmittag an der Morgenstrasse zu einer Pressekonferenz lud. Nach der verschlafenen ersten Meisterschaftshälfte hatten die Berner auf dem enttäuschenden fünften Platz überwintert. Wenigstens waren sie in die Cup-Viertelfinals gezogen, in welchen sie am Sonntag den kecken Kantonsrivalen Thun empfangen, der sie in der Meisterschaft überflügelt hat. Den Young Boys bietet sich gleich zweimal innert Wochenfrist die Gelegenheit, den nachbarschaftlichen Höhenflug zu stoppen - am 20. Februar gastiert Thun auch im Rahmen der Meisterschaft in Bern. Der Gestalter des Spielplans habe mit der Begegnung YB - Thun zum Wiederbeginn der Super League «wahnsinnig viel Fingerspitzengefühl» bewiesen, sagte YB-Trainer Hans-Peter Zaugg süffisant.
«Unterlassungssünden» kein Thema mehr
Ansonsten zeigte sich Zaugg an der Morgenstrasse aufgeweckt und bester Laune - in völlig anderer Stimmung als im vergangenen Sommer, als er sich an derselben Stelle nicht gescheut hatte, Klartext zu sprechen. Damals hatte er sich an die mächtigen Investoren der Aktiengesellschaft mit dem hierzulande vielleicht längsten Namen («Stade de Suisse Wankdorf Nationalstadion AG») gewandt, von «Unterlassungssünden» gesprochen und betont, nun, wo es darauf ankomme, mache YB (in finanzieller Hinsicht) einen Schritt zurück. Mit diesen Worten machte sich Zaugg nicht nur beliebt; und im Verlauf des Herbstes orakelte manch einer, die harsche Kritik - verbunden mit den durchwachsenen Leistungen des Teams - könnte ihm den Job kosten. Falsch gedacht. Zaugg ist im Amt geblieben, im Trainingslager in Marbella durfte er für ein weiteres Jahr bis Ende Juni 2006 unterschreiben.
Doch am Mittwoch liessen einige Voten Zauggs nicht minder aufhorchen als die opponierenden Sätze von damals. Zaugg dankte den Investoren explizit und meinte, vielleicht schätzten die Spieler nicht ausreichend, von YB stets pünktlich entlöhnt zu werden - als sei er darauf bedacht oder gar dahingehend instruiert worden, diesmal keinesfalls etwas Falsches, weil Kritisches zu äussern. Danach gab er seiner Freude Ausdruck, mindestens bis Sommer 2006 in Bern arbeiten zu dürfen - und an die anwesenden Verwaltungsratsmitglieder Peter Mast (Präsident) und Reto Gertschen (Sportchef) gerichtet sagte er, vor allem diese beiden hätten sich für ihn eingesetzt. Letzteres liess - ebenso ungewohnt wie vermutlich ungewollt - tief ins Innenleben des YB- Verwaltungsrates blicken, der aus drei Personen (aus Mast, Gertschen und Peter Jauch, dem Delegierten der Nationalstadion AG) besteht. Die oft gehegte Vermutung, Jauch hätte die Verpflichtung eines neuen Trainers bevorzugt, wurde dadurch jedenfalls mitnichten entkräftet. Einen dahingehenden Anlauf unternahm später Mast, der beteuerte, «doch, doch», Jauch zeige sich mit Zauggs Arbeit ebenfalls zufrieden. Äusserst engagiert versuchte Mast auch zu verwedeln, Zauggs neuer Vertrag sei - wie in der Berner Presse vermeldet - an sportliche Auflagen geknüpft.
Etwelche Verwirrung vermochten die Verantwortlichen dennoch nicht aus der Welt zu schaffen. Um vollständige Transparenz scheinen sie auch in Zukunft nicht bemüht. Präsident Mast sagte unverhohlen, für die Saison 2005/06 werde kein Budget kommuniziert; zuerst gelte es abzuklären, welche wirtschaftlichen Möglichkeiten das neue Stadion biete. In verschlungener Redeweise erklärte Mast die Geheimniskrämerei um den monetären Aufwand mit dem «Fall Servette», der zeige, wohin abenteuerliches Haushalten führen könne. Diese Argumentation mag gut sein und finanzielle Vorsicht noch viel besser - doch schafft Stillschweigen bezüglich des Budgets nicht eher Skepsis denn Vertrauen?
25 Millionen Franken in vier Jahren
Immerhin scheint YB das vierjährige Exil im Neufeld gesund zu überstehen. Indes: Das Wohlbefinden hat der Verein einzig der barmherzigen Samariterin namens Nationalstadion AG zu verdanken, die gemäss Mast seit 2001 25 Millionen Franken eingeschossen hat. Nicht auszudenken, wo sich YB ohne die Stadion AG befände. Oder wo beispielsweise der FC Thun sein könnte, wenn ihm in den letzten vier Jahren 25 Millionen mehr zur Verfügung gestanden hätten. Ohne die Stadion AG läuft im BSC YB nichts - was auch am Stand von Projekten ersichtlich ist, an welchen sie sich nicht beteiligt. Für den Bau des neuen Trainingszentrums benötigt YB 2,5 Millionen Franken, nur 800 000 stehen bis jetzt zur Verfügung. Der Weg, um aus Widersprüchen ausbrechen und in Schönbühl bald auf schönen Plätzen trainieren zu können, ist offenbar weit. Und teuer.
Benjamin Steffen
_________________ For Ever
|