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St-. Galler Tagblatt, 25.11.2004
Ostschweizer im "Young Boys»-Tor"
In den 60er-Jahren hütete Rolf Fischer, Bronschhofen, das Tor des damaligen Spitzenklubs BSC Young Boys
Bronschhofen. Vom 3.-Ligisten Steckborn kam Rolf Fischer beinahe über Nacht zum «grossen YB», wo er während zehn Jahren zwischen den Pfosten stand und sich mit seinen Leistungen bis in die Nationalmannschaft spielte. Er ist dem Fussball verbunden geblieben und fördert heute junge Torhüter-Talente in der Ostschweiz.
Manuel Kaiser
Es ist wohl eine der Geschichten wie sie nur der Fussball zu schreiben vermag. Ende der 50er-Jahre bestritt der knapp 20-jährige Rolf Fischer mit dem Drittligisten Steckborn ein Aufstiegsspiel in Arbon. Zufällig war ein «YB»-Spieler zugegen, der sich von der Leistung des jungen Torhüters dermassen beeindruckt zeigte, dass er seinem Trainer bei den Young Boys Bern sogleich die Entdeckung des Talentes mel- dete. Es sollte nicht lange dauern, bis Rolf Fischer nicht mehr auf holprigen Äckern vor der versammelten Dorfgemeinschaft kickte, sondern vor bis zu 30 000 Menschen im ausverkauften Wankdorfstadion in Bern zwischen den Pfosten stehen würde. Eine solche Fussballkarriere war nicht geplant. So versuchte sich Rolf Fischer in seiner Jugend nicht nur im Fussball, sondern zeigte auch durchaus Talent in der Leichtathletik und im Kunstturnen. «Als Fussballtorhüter konnte ich auch von den ande-ren Sportarten profitieren. Die Sprungkraft wurde beim Hochsprung gefördert und das Speerwerfen war hilfreich für präzise Auswürfe», erklärt er.
«Wie ein Traum»
Als die «YB»-Funktionäre ihn für ein Testspiel aufbieten wollten, hätte er erst von Familie und Bekannten überzeugt werden müssen, die weite Reise in die Hauptstadt anzutreten. «Es war schon eine unwirkliche Situation. Ich wurde am Bahnhof in Bern von einer Delegation abgeholt und in ein Hotel einquartiert, bevor ich ohne ein einziges Training mit der Mannschaft ein Testspiel gegen eine Londoner Mannschaft bestritt», berichtet Rolf Fischer lachend. «Es war wie ein Traum. Im Wankdorf vor 20 000 Zuschauern mit dem «YB»-Logo auf der Brust. Wenn ich die Situation realisiert hätte, wäre ich bestimmt viel nervöser gewesen», fährt er fort. Seine Leistung war anscheinend dermassen überzeugend, dass er kurz nach dem Spiel noch in den Räumlichkeiten des Stadions einen Vertrag unterschreiben konnte.
In die «fussballverrückte» Stadt
Sein Wechsel wurde von den «YB»-Verantwortlichen perfekt eingefädelt. Sowohl für eine Arbeitsstelle als auch Unterkunft wurde gesorgt. Trotzdem sei es am Anfang nicht immer einfach gewesen, so weit weg von Freunden und Familie, erklärt er. Bald stieg er zur Nummer eins auf und empfahl sich sogar für die Nationalmannschaft. Er genoss das Ansehen, das «YB»-Spielern entgegengebracht wurde: «Der Fussball hatte einen enormen Stellenwert. Heimspiele vor über 20 000 Zuschauern waren die Regel. Selbst bei den abendlichen Trainings standen mehrere Tausend Zuschauer am Spielfeldrand.» Als einen Höhepunkt bezeichnet er das Osterturnier in Berlin, wo er vor 100 000 Menschen im Olympiastadion gegen europäische Spitzenmannschaften spielte. «Das sind Erlebnisse, die ich natürlich nie vergessen werde», meint er heute dazu. Er lernte jedoch auch die Kehrseite des Ruhmes kennen. Bei Misserfolgen habe das Publikum schon sehr brutal sein können, weiss er zu berichten. Deshalb habe er immer auf dem Höhepunkt abtreten wollen, ergänzt er.
Rückkehr in die Ostschweiz
1970 wollte er seine Fussballkarriere beenden und in die Ostschweiz zurückkehren. Von Verantwortlichen des FC St.Gallen konnte er jedoch überzeugt werden, beim Aufbau einer neuen Mannschaft zu helfen. Nach zwei Jahren in St.Gallen, in welchen er den Aufstieg in die höchste Spielklasse feiern konnte, zog er sich definitiv aus dem Spitzenfussball zurück. Danach übernahm er verschiedene Mannschaften als Trainer. Seit vier Jahren ist er im Ostschweizerischen Fussballverband als Torhütertrainer tätig. «Viele Vereinstrainer gehen zu wenig auf die Bedürfnisse der Torhüter ein. Auch ich bin erst unter Kurt Schadegg in St.Gallen in den Genuss eines Torhütertrainings gekommen. Wir ver- suchen diesen Missstand zu korrigieren, indem wir talentierten Torhütern eine solide Grundausbildung bieten», erklärt er. Als einen Höhepunkt in seiner Trainerlaufbahn bezeichnet er seine Zeit als Assistenztrainer der Frauennationalmannschaft: «Es war grossartig zu sehen, mit welcher Begeisterung und welchem Willen sich die Frauen dem Fussball widmeten.»
_________________ For Ever
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