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BZ, 16.10.2004
«Wir können Thun einholen»
Wie arbeitet YB-Trainer Hans-Peter Zaugg mit dem Team? Ein Besuch im Training vor dem Spiel bei GC. Und was sagt der Trainer zur aktuellen Krise? Der Coach ist überzeugt, dass YB seine Saisonziele noch erreichen kann.
Mittwochmorgen, 10.15 Uhr, Schönbühl. Es ist der Tag nach dem 10:1 im Testspiel gegen den FC Bern (2. Liga interregional). Die YB-Fussballer sind an der Arbeit. Stammspieler wie Stéphane Chapuisat, Thomas Häberli oder Roman Friedli verbreiten beim Fussballtennis gute Laune; Marco Wölfli schwitzt beim intensiven Torhütertraining mit Goalietrainer Peter Kobel; und die zahlreichen U21-Akteure wie Ferhat Cökmüs, Marco Schneuwly oder Aaron Liechti fighten beim Zweikampftraining verbissen. Die Intensität ist hoch. Der 19-jährige Schneuwly – ein schneller, athletischer Stürmer – fällt später beim Torschuss durch Dynamik und Entschlossenheit auf.
Eine Stunde später, in der engen Trainerkabine im Container, wo auch die Teamgarderobe untergebracht ist. Zaugg deutet auf eine Tafel, wo jeweils der Spielerstatus steht. Die personelle Lage ist dramatisch.
Verletzt: Neri, Berisha, De Napoli, Coubadja, Bettoni. – Krank: Sermeter, Eugster. – Militär: Burki. – Nationalteam: Urdaneta, Aziawonou.
«Das sind zehn Spieler, die uns heute fehlen», sagt Zaugg, und weil er es selber kaum glaubt, wiederholt er es lautstark: «Zehn Spieler!» Nicht einfach sei die tägliche Arbeit auf dem Platz, wenn derart viele Akteure fehlten. Zwar kehren für den morgigen «Krisengipfel» in Zürich gegen GC nur Sandro Burki und Yao Aziawonou auf jeden Fall zurück, aber Hans-Peter Zaugg äussert sich im Interview trotzdem optimistisch.
Hans-Peter Zaugg, SCB-Trainer Alan Haworth arbeitet in diesen Tagen von Spiel zu Spiel.
Hans-Peter Zaugg: Das ist doch Unsinn! Wie soll er so in Ruhe Fortschritte realisieren können?
Sie spüren keinen Druck bei YB?
Doch natürlich, die Lage ist alles andere als schön. Aber ich denke und hoffe, dass ich ein wenig mehr Kredit als Alan Haworth habe. Damit will ich nicht die Arbeit des Kollegen schlecht reden, ich kann das nicht beurteilen. Aber wir haben letzte Saison sehr gut abgeschnitten. Das hat man doch nicht vergessen?
Aber angenehm ist dieser Zustand gewiss nicht.
Das stimmt. Ich und mein Trainerstab können nur jeden Tag versuchen, gemeinsam mit dem Team unseren Weg zu gehen. Wer nicht glaubt, dass ich jeden Tag vollen Einsatz gebe, darf ruhig an die Trainings kommen. Sportchef Reto Gertschen ist nahe am Team. Er weiss, dass wir alles unternehmen, um in der Tabelle besser rangiert zu sein. Im Übrigen finde ich, dass wir unsere Ziele alle erreichen können.
Zufrieden können Sie aber mit YB in dieser Saison kaum sein.
Auch das stimmt. Aber hätten wir beim letzten Spiel in Schaffhausen nicht 1:1 gespielt, sondern gewonnen, dann stünden wir jetzt auf Rang drei. Das soll keine Ausrede sein. Auch ich bin mit unseren letzten Leistungen nicht einverstanden. Aber es hat komplexe Gründe, warum wir nicht wie letzte Saison spielen.
Nämlich?
Ich möchte in erster Linie unsere Verletzten erwähnen. Wenn bis zu zehn Akteure gleichzeitig ausfallen, wie soll da eine Kontinuität herrschen? Letzte Saison sind wir wochenlang in der gleichen Aufstellung angetreten.
Sie haben keine Fehler gemacht?
Sicher. Aber es ist doch als Trainer und überhaupt im Leben immer so, dass man im Nachhinein schlauer ist. Vielleicht hätte ich die Torhüter nicht so oft wechseln sollen. Vielleicht einmal anders auswechseln. Und so weiter. Aber ich darf sagen, dass wir im Training seriös arbeiten. Wir haben mit Mark Disler erst einen Spieler gehabt, der wegen einer Muskelverletzung gefehlt hat.
Aber nach den fürchterlich schwachen Vorstellungen vor der Länderspielpause steigt der Druck. Angenommen, YB verliert am Sonntag bei GC, verliert auch im Cup in Wohlen, und dann kommen die Spiele gegen Thun und in Basel …
… wir wollen doch nicht das Horrorszenario erwarten! Es ist unglücklich, dass wie ausgerechnet jetzt gegen GC antreten müssen. Unter dem neuen Trainer wird GC stärker auftreten. Es wäre naiv, zu glauben, wir würden in Zürich locker drei Punkte holen.
Aber trotzdem, noch einmal: Sie haben keine Angst, bald zum Thema zu werden?
Es wäre dumm, würde ich dies verneinen. Ich weiss aber, dass ich alles dafür tue, um zu gewinnen. Und das wird belohnt.
Ein Kritikpunkt ist die Transferpolitik.
Dazu sage ich nichts mehr.
Warum nicht?
Es ist besser so.
Weil Sie Anfang Saison kritisiert hätten, dass Ihre Wunschspieler nicht verpflichtet wurden? Und nun dürfen Sie nichts sagen?
Es ist besser, wenn ich öffentlich meine Meinung dazu unterlasse. Fakt ist: Ich arbeite mit diesem Kader gerne zusammen!
Ist es nicht frustrierend, keinen Wunsch erfüllt zu bekommen, und jetzt auch noch in der Kritik zu stehen, wenns nicht läuft?
Wissen Sie, am liebsten hätte ich Ronaldo, Zidane und auch noch Beckham … Aber es ist ja nicht so, dass ich unsere neuen Spieler abgelehnt hätte. Ich war ja auch froh, dass wir noch einige Fussballer geholt haben. Das ist in Ordnung so.
Immerhin haben Sie dank den Zuzügen vieler durchschnittlicher Fussballer nun ein derart breites Kader, um auch acht oder zehn Ausfälle zu kompensieren.
Es ist auf jeden Fall ein Vorteil, haben wir so viele Spieler. Unsere Devise ist relativ einfach: Wir müssen versuchen, bis zur Winterpause so viele Punkte wie möglich zu sammeln. Das wird nicht einfach, mit all diesen abwesenden Spielern. Aber nach einer vernünftigen Vorbereitung auf die Rückrunde werden wir noch einmal angreifen.
Rang drei bleibt das Ziel?
Klar. Wir sind ja nur zwei Zähler davon entfernt.
Aber YB müsste wegen des Wankdorfs Rang zwei hinter Basel und damit die Champions-League-Qualifikation erreichen.
Das wäre optimal. Im Moment davon zu reden wäre aber arrogant. Zudem hat das Ausscheiden gegen Roten Stern Belgrad im Sommer wehgetan. Danach sind wir in ein Loch gefallen.
Ihr Vertrag läuft Ende Saison aus. Träumen Sie vom Wankdorf?
Ja – und es sind keine Albträume. Wir werden uns im Winter zusammensetzen und schauen, wie es weitergeht. Aber die nächste Saison ist noch viel zu weit weg. Wir müssen vorerst Schritt für Schritt besser werden.
Sie haben nach der Derbyniederlage in Thun gesagt, dass YB die kantonale Hierarchie schon noch korrigieren werde. War das eine zu saloppe Aussage?
Es ist tatsächlich nicht sicher, dass Thun in dieser Saison überhaupt einbrechen wird. Das Team spielt sehr konstant, hat kaum Verletzte und profitiert wie wir letzte Saison von den Schwächen der Konkurrenz. GC ist schwach, Servette ist schwach, der FC Zürich ist schwach, St. Gallen ist schwach, und Aarau oder Xamax sind bloss Mittelmass. Auch wir sind unter den Erwartungen klassiert. Ich bin aber überzeugt, dass wir uns auffangen. Deshalb können wir auch Thun noch einholen. Aber das ist nicht das erste Ziel.
«Wenn bis zu zehn Akteure gleichzeitig ausfallen, wie soll da eine Kontinuität herrschen?»
_________________ For Ever
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