Kicken auf einem «Kunstgebilde»
Das Spielfeld im neuen Wankdorfstadion hat mit einem herkömmlichen Fussballplatz nicht mehr viel gemein
Im neuen Wankdorf hat es ein Rasen schwer, da er zu wenig Licht und Luft bekommt. Bodenheizung, unterirdisches Bewässerungs- und Belüftungssystem und eine Tragschicht aus Quarzsand und allerlei organischem Material sollen Abhilfe schaffen.
Ruedi Kunz
Für diesen Auftrag hat Markus Benz gerne ein paar Hundert Kilometer Autobahnfahrt auf sich genommen. Es komme nur ganz selten vor, dass seine Firma ein Fussballstadion mit einem unterirdischen Bewässerungs- und Belüftungssystem ausrüsten könne, sagt der Deutsche. Nur im St. Jakob-Park in Basel und in einem kleineren Stadion in Berlin war das Wissen der Beregnungsspezialisten aus der Pfalz gefragt. «Uns fehlt die Lobby bei den Stadionerbauern», erklärt Benz. Die meisten setzten weiterhin auf günstigere, oberirdische Beregnungseinrichtungen. Die Anlage im neuen Wankdorf kostet laut Urs Huber, Projektleiter Marazzi GU, 400 000 bis 500 000 Franken.
Markus Benz steht auf der Mauer, die das zukünftige Spielfeld im Wankdorf begrenzt und schaut aufmerksam zu, wie zwei seiner Angestellten einen schwarzen Schlauch ausrollen. Diese haben weite Wege zu gehen: Insgesamt 12,3 Kilometer Schlauch müssen zwischen den bereits montierten weissen Heizschlangen aus Hartplastik verlegt werden.
Benz streckt dem Besucher ein Stück abgetrennten Schlauch entgegen. Der fünf Millimeter dicke Schlauch funktioniere wie eine Membran, erklärt er. Er lasse das Wasser erst nach aussen dringen, wenn genügend Druck erzeugt werde.
Der Schlauch, ein Gemisch aus Altgummi und Polyethylen, ist ursprünglich für die Landwirtschaft entwickelt worden. Die Firma Benz verwendet ihn vorwiegend für Golf- und Parkanlagen – und hat fast nur gute Erfahrungen gemacht. Er habe über 300 Kilometer dieses Schlauchtyps verlegt; davon hätten in all den Jahren nicht mehr als «vielleicht ein Kilometer» ersetzt werden müssen.
Der Rasen hat es schwer
Heiz-, Bewässerungs- und Lüftungssystem sind Teil eines fast ein Meter dicken mehrschichtigen Konglomerats aus Schotter, Kies, Sand, einer speziellen Rasentragschicht aus Quarzsand und organischem Material und Rasen. Mit Natur im herkömmlichen Sinn habe das nicht mehr viel gemein, sagt Benz. «Es ist ein Kunstgebilde mit ein bisschen Grün obendrauf.» Dieses Grün, immerhin eine Fläche von 110 Metern Länge und 74 Metern Breite, muss ab August 2005 allerhand Belastungen aushalten: Stollenschuhe, die bei nassem Wetter mehrere Zentimeter tiefe Furchen hinterlassen, herumhüpfende Konzertbesucher, möglicherweise aber auch Sportarten wie Pferderennen, Motocross und Schwingen.
Caspar Sgier, Abteilungsleiter Sportplatzbau bei der Firma Bächler & Güttinger, geht davon aus, dass der Rasen von Zeit zu Zeit ausgewechselt werden muss. «Die Wachstumsbedingungen für einen Rasen sind äusserst ungünstig, da er zu wenig Licht, Luft und Niederschlag kriegt.» Hinzu komme, dass die natürliche Atmung des Rasens durch die darunterliegende Betondecke ausgeschaltet werde. Die Sogwirkung, die der je nach Mondphase steigende oder sinkende Grundwasserspiegel erzeuge, pralle am Beton ab.
Anlage mit allerlei Tücken
Der 2001 eröffnete St. Jakob-Park in Basel zeigt drastisch, welches Schicksal dem Rasen blühen kann: Das makellose Grün verwandelte sich mehrmals in einen hässlichen Fleckenteppich und musste ersetzt werden. Es seien «Kinderkrankheiten» aufgetreten, bestätigt Benz. So habe der Kompressor, der die Luftzufuhr regle, nicht richtig funktioniert. Ein andermal sei eine Leitung beschädigt worden. Das sei aber alles «Schnee von gestern». Heute lobe der Platzwart die Anlage.
Beim angesprochenen Platzwart hält sich die Begeisterung in Grenzen. Rund zweieinhalb Jahre habe er gebraucht, bis er das Bewässerungs- und Belüftungssystem im Griff gehabt habe, erklärt Walter Lehmann. Die Unterstützung von der Firma Benz sei «praktisch gleich null» gewesen.
Benz relativiert: Lehmann sei sehr wohl instruiert worden. Erfahrungswerte habe man ihm aber nur bedingt weitergeben können, da jede Anlage ein anderes Eigenleben habe. «Der Abwart muss das Auge entwickeln, wann der Rasen Wasser braucht und wann Luft.»
Kein neues Berner Wunder
Die Bewässerungs- und Belüftungsanlage aus Deutschland, der Rasen aus Deutschland: Es ist, als ob das viel zitierte «Wunder von Bern» im neuen Wankdorf auf wunderliche Weise eine Fortsetzung findet. Beim Nachfragen löst sich die These rasch in Schall und Rauch auf. «Unser Stadionberater ist ein Deutscher mit entsprechend guten Kontakten zu deutschen Firmen, sagt Urs Huber, Projektleiter bei der Marazzi Generalunternehmung. Man habe schon beim St.-Jakob-Park in Basel auf sein Knowhow gebaut und damit gute Erfahrungen gemacht. (ruk)
BUND
http://www.ebund.ch/pdf/21126Stadt20040909_1.pdf