Berner Zeitung, 11.03.2011
«Hier denkt niemand an den Abstieg»Fussball Der langjährige YB-Akteur Alberto Regazzoni wechselte in der Winterpause zum FC St. Gallen. Im Interview spricht der Offensivspieler über den Abstiegskampf und den Trainerwechsel bei seinem neuen Verein. Und er äussert sich zu seinem Abgang in Bern sowie seiner Sperre am Sonntag gegen die Young Boys.
Wie haben Sie sich in St. Gallen eingelebt?
Alberto Regazzoni: Privat geht es mir sehr gut, ich habe eine schöne Wohnung gefunden, und St. Gallen ist wie Bern eine tolle Stadt. Sportlich aber läuft es uns sehr schlecht, und deshalb bin ich natürlich nicht restlos zufrieden.
St. Gallen hat in der Rückrunde alle fünf Partien verloren.
Bereuen Sie den Abgang bei YB in der Winterpause bereits?
Nein, sicher nicht. Die Situation ist überhaupt nicht erfreulich, fünf Niederlage in Serie sind sehr schmerzhaft. Man darf aber nicht vergessen, dass es in der Winterpause beim FC St. Gallen viele Wechsel gegeben hat, ich bin ja nicht der einzige neue Spieler hier. Es braucht Zeit, sich einzuspielen, doch diese Zeit erhält man im Abstiegskampf nicht.
Und jetzt ist seit einigen Tagen mit Jeff Saibene auch noch ein neuer Trainer in St. Gallen. Wie beurteilen Sie als Spieler die Entlassung von Uli Forte?
Eine Trainerentlassung ist immer etwas Schwieriges, auch für uns Spieler. Aber wenn man jede Partie verliert und der Abstieg näher rückt, kommt irgendwann der Zeitpunkt, wo ein Verein handelt. Wir haben nicht mehr viele Spiele, um den letzten Platz zu verlassen. Unter Jeff Saibene haben wir am Dienstag und Mittwoch insgesamt gleich viermal trainiert. Wir müssen hart arbeiten, um uns zu verbessern.
Wo liegen denn die grössten Unterschiede zwischen YB und dem FC St. Gallen?
YB ist natürlich ein absoluter Spitzenverein in der Schweiz, doch auch in St. Gallen ist viel Potenzial vorhanden. Wir spielen in einem schönen Stadion und haben viele Zuschauer, die wie in Bern sehr treu sind. Die Qualität der Einzelspieler ist bei YB höher, aber das ist normal, schliesslich wurden wir in Bern zuletzt auch dreimal Zweiter.
Man hörte in Bern, dass Ihr Verhältnis zu YB-Trainer Vladimir Petkovic am Ende nicht frei von Spannungen gewesen sei …
…nein, das stimmt nicht. Vladimir Petkovic ist ein ausgezeichneter Trainer. Ich spielte unter ihm nach zwei schwierigen Jahren bei YB längere Zeit regelmässig und schaffte sogar wieder den Sprung ins Nationalteam. Aber wenn man dann, wie ich in der Vorrunde, nicht immer zum Einsatz kommt und mehr spielen möchte, ist es doch normal, dass man mit dem Trainer nicht immer einverstanden ist (lacht). Ich wollte mehr spielen, ich wollte ein Leistungsträger sein, deshalb habe ich eine neue Herausforderung gesucht und das Angebot von St. Gallen angenommen.
Würde Ihr Vertrag auch bei einem Abstieg im Sommer in die Challenge League gelten?
Ja, ich habe für dreieinhalb Jahre unterschrieben, egal, in welcher Liga der FC St. Gallen spielt. Aber hier denkt niemand an den Abstieg. Wir haben genügend Substanz, um den letzten Platz in der Liga noch zu verlassen.
Aber ausgerechnet jetzt, am Sonntag im Heimspiel gegen YB, sind Sie gesperrt, weil Sie zuletzt in Sion bei der 0:2-Niederlage in der 92. Minute wegen einer Unsportlichkeit verwarnt wurden.
Das ist tatsächlich enorm ärgerlich. Für mich wäre das sehr speziell gewesen, gegen meine ehemaligen und teilweise langjährigen Teamkollegen zu spielen. Doch so ist Fussball. Ich werde hoffentlich noch oft gegen YB antreten dürfen. Und auch wenn ich wie am letzten Samstag in Sion spiele, gegen meinen zweitletzten Verein, ist das immer noch keine gewöhnliche Partie.
Wie eng ist der Kontakt zu YB und nach Bern überhaupt noch?
Ich bin ja erst seit rund zwei Monaten weg, also telefoniere ich regelmässig mit mehreren Spielern wie zum Beispiel François Affolter oder Thierry Doubai. Und auch mit Xavier Hochstrasser, meinem engsten Kollegen bei YB, spreche ich oft, er spielt ja jetzt in Italien bei Padua. Er wollte ebenfalls wieder mehr zum Einsatz kommen als zuletzt in Bern.
Beim FC St. Gallen herrscht wie bei YB oft Unruhe. Was muss sich Ihrer Meinung nach bei den Young Boys ändern, damit es endlich mit einem Titel klappt?
Wir waren ja zuletzt oft sehr nahe dran, die Stimmung im Verein war fast immer ausgezeichnet. Stefan Niedermaier (der frühere YB-CEO, die Red.) war ein Supertyp, er war in meinen Augen wie ein grosser Präsident mit viel Herzblut und riesiger Persönlichkeit. Aber jetzt sind andere Leute an der Macht, und ich denke, die wissen schon, was sie tun müssen, um Erfolg zu haben. Der Druck aber ist gross bei YB, das habe ich immer gespürt. Ich glaube, dass der Verein in den nächsten Jahren immer ganz oben mitspielen wird, auch wenn die letzten Wochen sicher enttäuschend waren. Und vielleicht ist das Team ja jetzt am Sonntag gegen uns ein wenig verunsichert.
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