Der Bund, 11.09.2009
Brown – hartnäckig und torgefährlichYB hat Seydou Doumbia, Xamax Ideye Brown: Der 20-jährige Nigerianer fühlt sich nach Startschwierigkeiten in Neuenburg wohl und hat in den ersten acht Runden sieben Mal getroffen. Das soll aber erst der Anfang sein.
Es war tiefer Winter und kalt, es lag Schnee, und Ideye Brown wähnte sich im falschen Film, als er im Januar 2008 in Neuenburg ankam. Schnee hatte er noch nie gesehen, frieren musste er daheim in Nigeria auch selten. Von der Schweiz war ihm einzig bekannt, dass die Fifa hier ihren Sitz hat, er verband das Land mit dem Namen Roger Federer und den Banken. Jetzt war er also da, allein auf sich gestellt in der Kälte, mit 19 Jahren auf einem fremden Kontinent. Xamax hiess sein neuer Verein. Der Integrationsprozess gestaltete sich auch sportlich harzig. Brown war lediglich Reservist.
Ideye Brown hatte Heimweh nach Lagos, wo er aufwuchs. Er vermisste die Wärme und seine Familie, und doch biss er sich hartnäckig durch. «Ich war schliesslich nach Europa gekommen, weil ich im Fussball etwas erreichen will», sagt er, «ich habe die Probleme überwunden. Jetzt fühle ich mich inzwischen in Neuenburg sehr wohl.» Brown, der nach wie vor täglich mit seiner Mutter telefoniert, hat in der Region nigerianische Landsleute kennen gelernt – und er geniesst im Team inzwischen einen beachtlichen Status. In den ersten acht Runden erzielte er sieben Treffer, zwei bereitete er vor. Damit bewegt er sich im Torschützenklassement auf Augenhöhe mit Seydou Doumbia, was aber nicht heisst, dass Brown bereits Vergleiche anstellt: «Doumbia hat letzte Saison 20 Mal getroffen, ich nur 10 Mal. Ich muss noch zulegen.»
Für Holland zu schmächtigBrown bringt aber den Ehrgeiz mit, Karriere zu machen. 2007 ging sein Stern auf, als er an der U20-WM in Kanada gegen Costa Rica traf. Er, der damals für die Ocean Boys aus Brass in Südnigeria stürmte und 2006 Landesmeister geworden war, bekam darauf Einladungen aus Holland. Er wurde bei Feyenoord und Willem II Tilburg vorstellig. Zu einem Vertragsabschluss kam es freilich nicht. Brown wurde für zu schmächtig, zu leichtgewichtig befunden. Er reiste zurück in seine Heimat, und als John Dario, ein Spieleragent, ihm vom Xamax-Interesse berichtete, dachte Brown misstrauisch: «Die werden sicher auch wieder sagen, ich sei zu klein.»
Entgehen lassen wollte er sich die Chance aber doch nicht. Und es war sein Glück, dass der argentinische Trainer Nestor Clausen ihm einiges an Vertrauen schenkte. «Er gab mir die Möglichkeit, zu zeigen, was ich wirklich kann, und er brachte mir bei, wie wichtig es ist, an seine eigenen Fähigkeiten zu glauben», sagt Brown, der bei den Neuenburgern einen Vertrag bis 2012 unterschrieb.
Er gilt als trickreich, robust und vor allem schnell. Hört er indes die Leute von seinem Tempo schwärmen, kann er nur grinsen. «Wenn ich mich danach im TV sehe, habe ich nie das Gefühl, dass ich wirklich schnell bin», sagt Brown. Für Trainer Pierre-André Schürmann ist der Afrikaner ein Fussballer, der immer noch in der Ausbildung steckt: «Er ist noch keine 21 Jahre und deshalb noch kein fertiger Spieler. Aber er ist lernwillig, ein Torjäger und für jeden Trainer sehr interessant.»
Schürmann als VaterfigurSchürmann ist für Brown mehr als nur einer, der ihn als Fussballer besser machen soll. Für ihn ist der Trainer auch eine Vaterfigur: «Wenn mir etwas am Herzen liegt, gehe ich zu ihm. Seine Tür steht immer offen, er versteht mich wirklich sehr gut.»
In mittlerweile fast zwei Jahren hat Ideye Brown seinen Wert merklich gesteigert. Der Weg, den er eingeschlagen hat, soll noch sehr weit führen, in eine grosse Liga und in Nigerias A-Nationalteam. Aber vorderhand hat Ideye Brown keine Zeit für derlei Gedanken. YB ist die Aufgabe der Gegenwart. «Und YB ist sehr gut, die beste Mannschaft in der Schweiz», sagt er. Aber Schürmann wird ihm und seinen Kollegen eines noch klarmachen: «YB ist der Favorit und der Leader, aber wir sollten uns weniger damit beschäftigen als mit uns – und uns auf die eigenen Stärken besinnen.»
http://www.derbund.ch/zeitungen/sport/Brown--hartnaeckig-und-torgefaehrlich/story/16420200