Der Bund, 24.07.2009
«Die Prognose kann ich durchaus nachvollziehen»2007 rettete Jeff Saibene den FC Thun vor dem Abstieg und war danach unter anderem hoch gehandelter Trainerkandidat bei den Young Boys. Am Sonntag trifft der 40-jährige Luxemburger auf YB – als Cheftrainer des FC Aarau.
Als es im letzten August darum ging, den Trainerposten bei YB neu zu besetzen, dachten die Entscheidungsträger intensiv über Jeff Saibene nach. Der bald 41-jährige Luxemburger hielt sich lang im Rennen, gewiss auch, weil man sich in Bern daran erinnerte, wie der Kandidat 2007 den FC Thun vor der Relegation gerettet hatte. Am Ende entschied sich YB zwar für Vladimir Petkovic, aber Saibene verstand das nicht als Niederlage. Speziell zu Petkovic, mit dem er die Uefa-Pro-Lizenz erwarb, pflegt er einen guten Kontakt. Ausserdem steht Saibene inzwischen auch selber in der Verantwortung: In Aarau wurde er in diesem Sommer Nachfolger von Trainer Ryszard Komornicki.
Jeff Saibene, macht es mehr Spass, Chef eines Teams zu sein?
JEFF SAIBENE: Ich habe mit Komornicki zwei grossartige Jahre erlebt. Bevor ich seine Nachfolge übernahm, ging ich davon aus, dass ich mich mehr unter Druck fühlen würde. In Thun hatte ich in dieser Hinsicht Erfahrungen gesammelt. Ich litt in dieser Zeit wahnsinnig, als wir gegen den Abstieg kämpften. Aber jetzt, in Aarau, geht das erstaunlicherweise ohne Probleme. Jedem ist bewusst, was auf uns in dieser Saison zukommt.
War Thun die perfekte Vorbereitung für die Zeit als Cheftrainer?
Es war eine gute Lehre, auf die ich mich aber überhaupt nicht vorbereiten konnte. Damals wurde Heinz Peischl entlassen, und sozusagen über Nacht hiess es: Jeff, du machst das jetzt.
Und Sie machten es gut. Sie retteten Thun vor dem Abstieg.
Es war eine schwierige, aber auch gute Zeit, die glücklicherweise mit dem Erfolg zu Ende ging, dass wir in der Super League blieben. In Aarau habe ich den Vorteil, dass ich Umfeld und Klub sehr gut kenne. Was die Arbeitsweise angeht, hat sich aber nicht viel geändert.
Ein Unterschied gegenüber früher ist optisch erkennbar
Sie meinen den Anzug, den ich bei den Spielen trage?
Genau.
Als Assistent war es für mich klar, dass ich mich so nicht zeigen konnte. Das wäre ein Affront gegenüber Ryszard Komornicki gewesen. Die Rolle des Assistenten war für mich ja auch gar nie ein Problem.
Komornicki kritisierte wiederholt das fehlende Vertrauen der Vereinsleitung. Spüren Sie die volle Rückendeckung?
Absolut. Der Vorstand ist nicht daran interessiert, dass wir wieder in eine unangenehme Situation geraten. Die Leute, die hier das Sagen haben, zogen ihre Lehren aus der Vergangenheit.
Ist es eine Starthilfe für einen Trainer, eine Mannschaft zu übernehmen, die mit null Kredit in eine Meisterschaft startet?
Einerseits ja, weil die Erwartungen bescheiden sind. Anderseits aber auch nein, weil es sich kein Trainer leisten kann, sechs, sieben Mal in Folge zu verlieren, egal, wie das Team aussieht.
Wie viele Wetten haben Sie abgeschlossen und auf den Ligaerhalt des FC Aarau gesetzt?
Keine.
Sind Sie also einverstanden damit, dass Aarau als erster Absteiger gehandelt wird?
Wir haben neun Abgänge zu verkraften, darunter gut sieben Stammspieler. Gleichzeitig kamen mit Polverino und Stoll nur zwei dazu, die man zum neuen Stamm zählen kann. Und wenn dann nicht zwei, sondern zwanzig Journalisten uns als ersten Abstiegskandidaten bezeichnen, ist das kein Zufall mehr. Die Prognose kann ich durchaus nachvollziehen. Aber wir unternehmen alles, damit sie nicht eintrifft. Sind alle gesund und fit, haben wir ein gutes Team beisammen. Fakt ist indes auch: In der Breite sind wir nicht konkurrenzfähig. Wir brauchen noch zwei Offensivkräfte vom Typ Varela und Regazzoni.
Wer steigt ab?
Das wird eine ganz heisse Sache in diesem Jahr, so heiss wie vermutlich noch nie. Ich will mich nicht festlegen.
Gegen GC und Basel hat sich der FC Aarau als zäh erwiesen. Zeichnet genau diese Eigenschaft Ihre Mannschaft aus?
Entscheidend sind gute Organisation, Teamgeist, gegenseitiges Helfen. Ich habe dankbare Typen, die verstanden haben, was ich will. Die erfüllen mir fast jeden Wunsch (lacht).
Ihnen scheint das Arbeiten ziemlich leicht gemacht zu werden.
Es brauchte einiges, um diese Mentalität zu beschwören. In der Vorbereitung hat es einmal richtig gekracht. Da merkten die Spieler in der Pause eines Tests, dass ich auch anders sein kann als nur ruhig. Und am Tag danach hielten wir eine lange Teamsitzung ab, an der ich der Mannschaft erklärte, dass wir nur eine Chance haben, wenn wir bereit sind, uns aufzuopfern. Wir haben keine Stars, die den Unterschied mit Glanzleistungen ausmachen können.
Diesbezüglich sieht es bei den Young Boys ganz anders aus.
Und wie! Die haben einige Leute mit Starpotenzial, Doumbia, Wölfli, Degen, Regazzoni. Und sie haben eine Spielkultur, die mir gefällt.
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