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 Betreff des Beitrags: Zaugg Interview im Bund
 Beitrag Verfasst: Samstag 12. Juni 2004, 15:51 
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Registriert: Dienstag 11. Mai 2004, 22:33
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«Zu viele Spieler sind nicht in Topform»

Hans-Peter Zaugg

Für Hans-Peter Zaugg, YB-Trainer und Assistenztrainer der Nationalmannschaft an der WM 1994 und der EM 1996, ist es möglich, dass die Schweiz in Portugal null Punkte holt – zu schlecht sei zuletzt gespielt worden. Mit YB will er in der nächsten Saison unter die ersten drei, im neuen Stadion hofft er auf 20 000 bis 25 000 Zuschauer pro Spiel.

INTERVIEW: RUDOLF BURGER, GUIDO LICHTENSTEIGER

«Bund»: Was erwarten Sie von der Schweizer Nationalmannschaft an der EM in Portugal?

Hans-Peter Zaugg: Aufgrund der letzten Resultate und des Formstands wichtiger Spieler müsste man nüchtern betrachtet zum Schluss kommen, dass man nicht viel erwarten darf.

Es gibt Pessimisten, die mit null Punkten und null Toren rechnen . . .

Das ist durchaus möglich, wenn so gespielt wird wie in den letzten Spielen. Aber zum Glück entsprechen im Fussball die Resultate nicht immer den Erwartungen. Ich denke, die Schweizer Equipe ist in der Lage, sich massiv zu steigern. Es hängt sehr viel vom ersten Spiel gegen Kroatien ab, vielleicht auch nur schon vom ersten Tor. Ein Sieg gegen Kroatien könnte befreiend wirken.

Das Team ist im Moment nicht in Höchstform. Woran fehlt es?

Einige Spieler sind offensichtlich körperlich nicht fit. Das grösste Problem besteht in der Verteidigung. Eine solide Defensive ist die Basis eines Teams. Bernt Haas spielt im Moment ganz schwach, und bei Murat Yakin, einem enorm wichtigen Spieler, mache ich ein grosses Fragezeichen, ob er wirklich bereit ist.

Ist nur die Verteidigung das Problem?

Auch im Mittelfeld habe ich Bedenken. Johann Vogel ist angeschlagen. Hakan Yakin, der wichtigste Spieler in der Offensive, verfügt über keine Spielpraxis und ist meiner Ansicht nach nicht fit. Raphael Wicky und Benjamin Huggel tun ihre Pflicht, mehr nicht. Unter diesen Defiziten leiden dann auch die Stürmer, welche im Moment keine gute Figur abgeben, aber auch nicht die Qualität von Zuspielen erhalten, wie das der Fall war, als Vogel, Hakan Yakin und Ricardo Cabanas in Form waren.

Macht es Sinn, dass ein Trainer an Spielern, die offensichtlich nicht in Topform sind, festhält?

Für einen Trainer ist das eine heikle Situation. Er hat eine Idealvorstellung seiner Mannschaft im Kopf. Er spürt, dass mit diesem Team etwas zu erreichen wäre. Hat er diese Aufstellung gefunden, weicht er normalerweise nicht gerne davon ab. Als Trainer probiert man alles, um diese Spieler am Tag X in der Mannschaft zu haben.

Was kann der Trainer in einer Situation, in der nicht alles optimal läuft, noch machen?

Er kann hoffen, dass viele Zeitungen schreiben, die Mannschaft sei schlecht und an der EM chancenlos. So blöd das tönt, das hilft Köbi Kuhn. Solche Artikel kann er in der Kabine aufhängen und bei den Spielern eine Reaktion provozieren, sie bei der Ehre packen. Für einen Trainer ist es schlimm zu sehen, wie man gegen Liechtenstein spielte – ohne Engagement, Biss, Entschlossenheit.

Was können Trainings jetzt noch bewirken?

Da geht es höchstens noch darum, Automatismen zu verfeinern. Jetzt spielt sich alles im Kopf ab.

Der Trainer wird zum Psychologen.

Genau, er muss dafür sorgen, dass die Stimmung gut und der Hunger auf die EM bei jedem vorhanden ist. Er muss jedem Spieler klar machen, welch unglaubliche Chance Portugal bietet, sich auf dieser Bühne zu präsentieren und den eigenen Wert, aber auch jenen unseres Fussballs, zu steigern.

Hat Kroatiens Trainer Baric den Schweizern einen Gefallen getan, als er einige Spieler kritisiert hat?

Ja und nein. Barics Äusserungen kränken uns. Das Brutale daran ist aber, dass er durchaus Recht hatte. Solche Aussagen können aber beim Gegner eine Trotzreaktion auslösen.

Er sagte auch, Chapuisat sei für das EM-Niveau zu alt. Stimmt das?

Stéphane Chapuisat ist speziell in der Nationalmannschaft darauf angewiesen, gute Zuspiele zu erhalten. Passiert dies, traue ich ihm zu, sich auch an einer EM entscheidend in Szene zu setzen und ein Tor zu erzielen. Aber natürlich wird uns Marco Streller extrem fehlen. Es war bestimmt Köbi Kuhns Überlegung, mit Chapuisat zu beginnen, um dann aber nach 60 Minuten mit Streller einen andern Spielertyp zu bringen.

War es ein Fehler, dass Köbi Kuhn nach Strellers Verletzung nicht auf Blaise N’Kufo zurückgegriffen hat?

Von der Leistung her, der Klasse, hätte N’Kufo wohl dazugehört. Aber ich masse mir nicht an, seine Nichtselektion als Fehler zu bezeichnen, weil ich die Angelegenheit nicht im Detail kenne.

Wie fällt der Vergleich des EM-Teams 2004 mit dem von 1996 aus?

Von der Klasse, vom Potenzial her hätte die Schweiz heute eine sehr gute Mannschaft, vielleicht sogar eine etwas bessere als 1996. Fast jeder Spieler hat in einer europäischen Spitzenliga, in seinem Verein eine Leaderfunktion inne. Aber nochmals: Das Problem ist, dass zu viele Spieler nicht in Topform sind.

Immer wieder umstritten ist die Frage, wie viele Freiheiten man den Spielern an einem solchen Turnier neben dem Feld lassen soll.

In der heutigen Zeit sind totale Kasernierung und fehlendes Mitspracherecht nicht mehr angebracht. Aber Laisser-faire ist auch nicht optimal. Wichtig ist, gewisse Richtlinien, Verhaltensregeln aufstellen. Auf diesem Niveau sollten die Profis über genügend Eigenverantwortung verfügen, um zu wissen, warum sie in Portugal sind.

Untergebracht sind die Schweizer in einem Top-Hotel. Wie wichtig ist es, die Spieler bei Laune zu halten?

Herrscht eine gute Stimmung, können die Ziele einfacher erreicht werden. Köbi Kuhn ist ein Trainer, der viel Wert auf gute Ambiance und Harmonie legt – dies sieht man auch an seinen Nominationen. Ich habe mit ihm nie darüber gesprochen, aber er hat meiner Ansicht nach viele Spieler mitgenommen, welche nur schon überglücklich sind, an der EM dabei zu sein – und keine Probleme machen, sollten sie nicht zum Einsatz kommen.

Wie vermeidet man, dass Lagerkoller aufkommt?

Genau deshalb ist es wichtig, ein gutes Hotel zu haben. Die Spieler haben Einzelzimmer erhalten, damit sich jeder in seinen eigenen Bereich zurückziehen kann.

Es gibt ein Leben nach der EM – mit YB sind Sie in der Qualifikation für die Champions League. Was erhoffen Sie sich?

Natürlich dass wir uns für die Champions League qualifizieren.

Ist das realistisch?

Leider nicht. Aber ich werde der Mannschaft sicher nicht sagen, es sei aussichtslos; wir werden versuchen, die kleine Chance zu nutzen. Nur haben wir im Moment die Klasse für einen so grossen Schritt noch nicht: Der FC Basel hat um die 10 Millionen in neue Spieler investiert, um sich für die Champions League zu qualifizieren. Wenn wir einen Spieler wollen, der 200 000 bis 300 000 Franken kostet, gibt das unzählige Sitzungen und wir müssen uns fragen, wie wir das finanzieren können.

Mit Blick auf die unterschiedlichen Budgets ist YB erstaunlich weit gekommen. Mit Glück?

Jein. Mit dem Kader, das uns zur Verfügung stand, haben wir über die ganze Saison recht guten Fussball gespielt, auswärts haben wir viele Punkte geholt. Glück hatten wir vielleicht insofern, als andere Klubs, GC und der FCZ, enttäuscht haben. Aber unsere Punkte mussten wir trotzdem selber machen.

Was wollen Sie mit Blick auf die nächste Saison ändern?

Wir müssen vor allem unser Defensivverhalten verbessern. Wenn wir international auch nur eine kleine Chance haben wollen, muss jeder beim Verteidigen mithelfen. Wir haben gegen unterlegene Gegner zu viele Tore kassiert. Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass wir gegen Agno im Cup verlieren könnten.

Vor ungefähr einem Jahr sind Sie zum ersten Mal nach Schönbühl gefahren. Wie hat sich Ihre Gemütslage seither verändert?

Vor einem Jahr war ich glücklich, dass ich nach der schwierigen Phase in Luzern die Chance bekommen hatte, hier arbeiten zu dürfen. Letzten Montag habe ich mich gefreut, dass es nach einer kurzen Pause schon wieder losgeht. Wenn wir die zwei, drei Transfers machen können, bin ich zuversichtlich, dass man auch nächste Saison an unserer Mannschaft Freude haben kann.

Was ist Ihr Saisonziel?

Es wäre schön, wenn wir nächstes Jahr, wenn wir im neuen Stadion sind, auch international spielen können. Also müssen wir unter den ersten drei sein.

Ist es möglich, dass es in Bern ein Basler Phänomen gibt, 30 000 Besucher fast in jedem Spiel?

Am Anfang wird das Stadion zweifellos voll sein. Danach liegt es an uns, die Leute mit gutem Fussball im Stadion zu halten. Ich glaube, dass es in Bern möglich sein wird, pro Spiel auf 20 000 bis 25 000 Zuschauer zu kommen.

Spüren Sie, dass die Akzeptanz des Fussballs grösser geworden ist?

Ja. Wenn ich früher den Leuten gesagt habe, ich sei Fussballtrainer, hat man mich gefragt: «Und was arbeiten Sie?» Heute ist eigentlich allen klar, dass es diesen Beruf gibt. Der Fussball hat auch in der Schweiz an Bedeutung gewonnen.

Wie erklären Sie es sich, dass Fussball salonfähiger geworden ist?

Durch gute Resultate, durch die Medien. Fussballstars erreichen heute ja die Publicity von Popstars. Mit den neuen Stadien gibt es auch in der Schweiz eine Riesenchance, dass neue Schichten den Fussball entdecken, weil man mit dem Fussball geschäftliche Dinge verbinden kann. Eine Firma kann Kunden einladen und aus einer Partie ein Event machen.

Es gab eine Zeit, als Fussball an den Schulen geächtet war.

Früher hiess es effektiv, du bist in der Primarschule, du kannst Fussball spielen gehen, andere machen etwas anderes. Heute engagieren sich wichtige Leute in diesem Sport. Ein Sponsor kann ja den Fussball in seiner Familie, in seinem Umfeld nicht schlecht machen.

Was hat Ihnen der Fussball gegeben?

Sehr viel. Ich bin in ganz einfachen Verhältnissen aufgewachsen, ein Studium wäre nicht in Frage gekommen, auch wenn ich die Voraussetzungen gehabt hätte. Schon als Bub war mir klar, dass Fussball für mich die Chance sein würde, etwas zu erreichen. Und ich habe mir früh das Ziel gesetzt, in der Nationalliga zu spielen. Dafür habe ich wenn nötig tagelang allein trainiert. Wenn die Kollegen nicht kamen, habe ich meine Übungen mit Hilfe einer Hausmauer gemacht.

Den Ehrgeiz, den Sie gehabt haben, wünschten Sie sich wahrscheinlich auch von den heutigen Fussballern.

Natürlich. Es ist doch ein absolutes Privileg, diesen Job auszuüben. Heute Donnerstag haben die YB-Spieler zwei Stunden lang recht hart trainiert, jetzt haben sie frei. Die müssen nicht um sieben Uhr irgendwo stempeln. Viele Spieler werden sich leider erst viel später bewusst, was für Chancen sie eigentlich vergeben haben.

Gegen Basel standen Sie im Anzug statt im Trainer an der Seitenlinie. Muss man sich daran gewöhnen?

Nein, das war nur für dieses eine Spiel. Der Anzug war eine Geste für den Meister und die Meisterfeier danach.

Also wird man Sie weiter im Trainer sehen?

Ich denke schon. Im Trainer ist mir einfach wohler. Aber wenn man von mir verlangt, im Anzug aufzutreten, werde ich das tun.

Für kurze Zeit waren Sie schon Trainer der Nationalmannschaft. Möchten Sie es noch einmal werden?

Das ist kein absoluter Traum, auf den ich hinarbeite. Aber es ist das höchste Traineramt in der Schweiz, und es ist sicher etwas Besonderes.

Trainer sitzen auf Schleudersitzen. Haben Sie keine Zukunftssorgen?

Es kann sein, dass die nächste Saison schwieriger wird. Ich selber muss einfach in den Spiegel schauen und mir sagen können, dass ich alles für den Erfolg getan habe. Wenn das nicht reicht, muss ich damit leben, dass der Verein vielleicht einen andern Trainer sucht. Aber ich glaube immer noch, dass sich gute Arbeit herumspricht und dann irgendwo wieder eine Tür aufgeht.


Hans-Peter Zaugg

Hans-Peter Zaugg, Jahrgang 1952, ist im Tscharnergut-Quartier in Bethlehem aufgewachsen. Er absolvierte eine Lehre als Autospengler. Als aktiver Fussballer spielte er bei Rot-Weiss Bümpliz, Xamax und dem FC Bern. Die Trainerlaufbahn begann er beim FC Zollikofen. Von 1992 bis 1999 war er Assistent mehrerer Nationalcoachs, im Frühling 2000 betreute er während vier Partien interimistisch das Nationalteam. Mit GC wurde er 2001 Schweizer Meister. In der Saison 2002/03 trainierte er Luzern, seit einem Jahr ist er Trainer der Young Boys. Hans-Peter Zaugg ist verheiratet und Vater zweier Kinder. Er wohnt in Limpach. (bur)


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 Beitrag Verfasst: Sonntag 13. Juni 2004, 14:16 
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Registriert: Donnerstag 13. Mai 2004, 12:07
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Am Anfang wird das Stadion zweifellos voll sein. Danach liegt es an uns, die Leute mit gutem Fussball im Stadion zu halten. Ich glaube, dass es in Bern möglich sein wird, pro Spiel auf 20 000 bis 25 000 Zuschauer zu kommen.


Wir hoffen es Bidu!


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