05.04.2023

Zitat:
Ausser gegen den FC Basel
Die Young Boys springen so hoch, wie sie müssen
Die Berner stehen im Cupfinal und vor dem Gewinn des Meistertitels. Und begeistern dennoch längst nicht immer. Was nach Widerspruch klingt, entspricht einer gewissen Logik.
Geht es nach Trainern, dann ist jedes Spiel eine grosse Herausforderung. Ob gegen Lugano oder Luzern, Servette oder Sion – sie finden nach Partien immer irgendeinen Grund, ihre Lieblingsaussage zu verwenden. Es heisst dann jeweils: «Wir wussten, dass es in x (hier einen beliebigen Ort einsetzen) schwierig werden würde.»
Vielleicht denken die Trainer ja wirklich so. Sie werden durch ihre Berufswahl zu vorsichtigen und nachdenklichen Geschöpfen, die sich über alles Erdenkliche den Kopf zerbrechen – von den Befindlichkeiten ihrer Spieler über die Platzverhältnisse bis hin zu den Strömungen im Verein. Bis sie irgendwann überall Gefahren sehen. Weil sie ja auch immer die Ersten sind, die im Fall einer Negativserie um ihren Job fürchten müssen (manchmal braucht es nicht einmal eine solche, um die Stelle zu verlieren, wie das Beispiel Julian Nagelsmann zeigt). Dazu kommt, dass Trainer den Gegner vor einer Partie stundenlang analytisch in Einzelteile zerlegen. Natürlich finden sie dabei Indizien, warum es schwierig werden könnte. Selbst wenn der Gegner Winterthur heisst.
Die Frage ist: Wie aber denken die Spieler? Mit Blick auf die aktuelle Ausgabe der Young Boys erhärtet sich die Vermutung, dass diese das ein wenig anders als ihr Trainer sehen. Dass sie sich ihrer Überlegenheit sehr wohl bewusst sind und deshalb regelmässig nur so hoch springen, wie sie eben müssen. Auch, wenn das manchmal nicht sonderlich hoch ist.
Der FC Basel spornt YB an
So lässt sich die Diskrepanz zwischen der sportlichen Bilanz und den Bewertungen der einzelnen Spiele erklären. In der Super League haben die Berner 15 Punkte Vorsprung, sie stehen nach dem 4:2 am Dienstagabend in Basel im Cupfinal und haben wettbewerbsübergreifend nach regulärer Spielzeit nur 3 von 37 Partien verloren.
Dennoch standen sie hin und wieder in der Kritik, wie bei den vier Unentschieden zwischen Anfang Februar und Anfang März. Nicht immer zu Unrecht übrigens, bei der Qualität im Kader, die jene der Konkurrenz meist bei weitem überragt. Natürlich ist die Erwartungshaltung hoch, aber sowohl die Spieler als auch Wicky waren mit den (spielerischen) Darbietungen zuweilen selbst nicht zufrieden. Auch wenn es beim FCZ oder in Winterthur natürlich schwierig gewesen sei, wie der YB-Trainer danach sagte.
Treffen die Young Boys aber auf den FC Basel, lassen sie keine Zweifel aufkommen. Sie zeigen, welche Wucht in ihnen steckt, welche spielerische Klasse. Mehr noch: Sie begeistern.
Vor zweieinhalb Wochen gelang ihnen beim 3:0-Heimsieg die vielleicht beste Saisonleistung. Und im Cuphalbfinal am Dienstagabend im St.-Jakob-Park geben sie all jenen, die meinten, dass Basel im eigenen Stadion und dank der speziellen Gesetzmässigkeiten des Cups beim Ausgang der Partie schon ein Wörtchen mitzureden habe, eine rasche und deutliche Antwort. Nach einer Viertelstunde führen sie nach Toren von Cedric Itten und Fabian Rieder 2:0. Das ist schon fast mehr als die halbe Miete.
Die Vorzeichen waren einmal genau umgekehrt
Letztmals verlor YB gegen den FCB im Juli 2020. Sogar in der vermaledeiten vergangenen Saison blieben die Berner gegen Basel unbesiegt. Weil immer dann, wenn es gegen den grossen Rivalen geht, sie ihr Potenzial abrufen. Und es nicht an Ansporn und Konzentration mangelt, wie das in anderen Affichen manchmal der Fall ist. Was ob der Überlegenheit mit bald fünf Meistertiteln in sechs Jahren menschlich ist.
Die Vorzeichen waren einmal genau umgekehrt. Da waren die Basler die Titelhamsterer, die nur so hoch sprangen, wie sie mussten. Unter Trainer Murat Yakin beispielsweise wurde der FCB in der Saison 2012/13 Meister, obwohl er in 36 Partien neunmal Unentschieden spielte und sechsmal verlor. Aber gegen YB waren die Basler zur Stelle, sie gewannen drei von vier Ligapartien und verzeichneten keine Niederlage. Auch wenn die Young Boys von damals mit dem reichen, unaufgeregt geführten Ligakrösus von heute nur noch wenig gemeinsam haben. Dennoch wurden diese Partien auch in jener Zeit als speziell erachtet, gerade aus Berner Sicht. Nicht nur, weil sie nach zwei verlorenen Finalissimas mit reichlich Emotionen aufgeladen waren.
In den Basler Erfolgsjahren waren es die Berner, die sich nach Niederlagen über den Schiedsrichter beklagten, die versuchten, sich die Niederlage schönzureden. Weil sie nach einem fürchterlichen Start ins Spiel ja eine Reaktion gezeigt hätten und zwischenzeitlich herangekommen seien. Die sich sagten: Beim nächsten Mal werden wir es ihnen dann schon zeigen. Um doch wieder den Kürzeren zu ziehen.
Vogel schimpft wie ein Rohrspatz
FCB-Trainer Heiko Vogel, der während des Spiels wie ein Rohrspatz schimpfte, stellt sich nach der Partie vors Mikrofon des SRF. Er verweist auf zwei Grosschancen seines Teams in der ersten Halbzeit, spricht von zwei guten Mannschaften. Er meint, dass mehr dringelegen wäre und sich der Match auf Messers Schneide befunden hätte. Leider habe eine Person nicht die nötige Qualität gehabt, sagt Vogel. Er meint Schiedsrichter Urs Schnyder. Es ist eine insgesamt abenteuerliche Zusammenfassung der Geschehnisse. So werden Tatsachen verdreht.
Natürlich gab es einige strittige Entscheidungen. Gerade beim Hands von YB-Stürmer Joël Monteiro im eigenen Strafraum in der Schlussphase beim Stand von 4:2 hätte der VAR eingreifen können. Aber die Schuld nach diesem Spiel beim Schiedsrichter zu suchen, ist vor allem eines: schlechter Stil.
Tatsache ist, dass die Young Boys die bessere Equipe waren. Sie nutzten die Freiheiten, die ihnen die sehr anfällige Basler Defensive gewährte, sie waren gefestigter und gefährlicher. Auch wenn sie nach der Pause eine Viertelstunde lang wankten. Sie stehen nun erstmals seit 2020 im Cupfinal. Und können eine Saison, während der sie manchmal Anlass zum Nörgeln boten, mit dem Gewinn des Doubles krönen.
Was nach einem Widerspruch klingt, nach überbordenden Erwartungen seitens der Berner Öffentlichkeit und des Publikums, entspricht einer gewissen Logik. Die Young Boys springen oft so hoch, wie sie müssen. Weil sie sich das eben erlauben können.
Nur nicht gegen Basel: Da bieten sie jeweils noch etwas mehr.
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