Hilflos, kraftlos, chancenlos
Der YB-Auftritt bei Meister FC Zürich war ein Ärgernis. Emotionslos und in die Einzelteile zerlegt ergaben sich die Berner ihrem Schicksal. In den Heimspielen gegen Marseille und Sion ist eine Reaktion gefordert.
Vielleicht hat es solch einer Demütigung bedurft, und vielleicht wird man irgendwann in der Retrospektive sagen, dieser miserable Auftritt in Zürich habe damals, Anfang August, allen Beteiligten die Augen geöffnet. Vorerst aber steht YB, nach nur vier Runden, bereits mit dem Rücken zur Wand. Ohne Emotionen, ohne Zusammenhalt und ohne Siegchance wurden die Berner vom FC Zürich vorgeführt. Am Ende eines ungemütlichen Abends resultierte eine 1:3-Niederlage. Das Resultat war noch die beste Nachricht einer ungenügenden Vorstellung.
Krasse Abwehrfehler
Die Young Boys hatten es der mangelnden Effizienz der Zürcher im Abschluss zu verdanken, nicht eine monumentale Kanterniederlage eingefangen zu haben. Nach einer Viertelstunde war die Partie entschieden, obwohl YB letzte Saison dreimal beim FCZ überzeugt, nie verloren und dabei gezeigt hatte, wie man gegen den spielstarken Meister nicht unter Druck gerät. Die frühen Gegentore waren diesmal ein Sinnbild für die ungeordnete Defensive der Gäste. Beim 1:0 genügte ein Pass Von Bergens, um die YB-Abwehr in ihre Einzelteile zu zerlegen – Torschütze Abdi dürfte sich im Strafraum derart ungedeckt vorgekommen sein wie später nur noch unter der Dusche. Beim 2:0 nahm es Raffael gleich mit sieben YB-Spielern auf. Nach seinem Slalomlauf durch zögerliche Gegenspieler kam auch der Brasilianer frei zum Torschuss.
YB-Trainer Rohr sprach zwar von einer Reaktion nach der Pause, doch nach wenigen Minuten waren die Hoffnungen wieder geknickt. Torhüter Wölfli unterschätzte einen Ball fürchterlich, musste den schnellen Keita foulen, sah die rote Karte und den daraus resultierenden Elfmeter von Cesar gegen Ersatzgoalie Gritti sicher zum 3:1 verwandelt. «Ich bin masslos enttäuscht», sagte YB-Sportchef Hottiger nach diesem Rückschlag in Zürich. Und auch Rohr, sonst gerne als Optimist aktiv, hielt sich nicht mit Kritik zurück: «Der Gegner war heute klar besser. Wir haben Geschenke verteilt und ganz schwach gespielt.» Seine Erklärung, YB habe es in der Startphase an Kampfgeist gemangelt, kam einer Bankrotterklärung gleich, ebenso seine Einschätzung, einzelnen Akteuren der Berner fehle es an der Fitness.
Der überzeugende FCZ ist bereits wieder sieben Punkte enteilt. YB präsentierte sich nie als Einheit. Wo waren die Führungsspieler? Wo war der Wille, sich gegen die Niederlage aufzulehnen? Erst als die routinierten Magnin und Häberli zur Pause eingewechselt wurden, stemmten sich die Berner zumindest ein bisschen gegen den Untergang. Varela, der zwischenzeitlich das 1:2-Anschlusstor geköpft hatte, war noch der stärkste YB-Spieler. Doch der Provokateur legte sich erneut mit dem gegnerischen Publikum an. Seine obszönen Gesten gegen die FCZ-Fans waren mindestens so ärgerlich wie die vielen Abspielfehler und die fehlende Aggressivität seiner Mitspieler. Spielmacher Yakin, der zur Pause ausgewechselt worden war, sprach von einer miserablen Leistung und fand: «Wir müssen uns steigern.» Das ist eine vernünftige Idee. Auch Trainer Rohr blickte nach vorne: «Wir haben ein hartes Startprogramm gehabt.» Und: «Das war heute die erste Niederlage seit drei Monaten.» Es klang wie eine kraftlose Durchhalteparole.
Zwei wichtige Heimspiele
Denn YB wirkte am Samstag oft wie eine unmotivierte, nicht aufeinander abgestimmte Söldnertruppe. Hinter die Einkaufspolitik im Sommer ist bislang ein Fragezeichen zu setzen: die Mittelfeldspieler Everson, Yapi und Pirmin Schwegler wurden nicht ersetzt. Rohr hofft deshalb auf die rasche Verpflichtung Yapis und vor allem auf eine heftige Reaktion seiner Schützlinge in der «Woche der Wahrheit» in den Heimspielen am Donnerstag im Uefa-Cup gegen den französischen Spitzenklub Olympique Marseille und am Sonntag gegen den starken Aufsteiger FC Sion. «Mit beiden Teams haben wir noch eine Rechnung offen», sagte Rohr. Gegen Marseille schied YB vor Jahresfrist im UI-Cup aus, gegen Sion wurde am Ostermontag der Cupfinal verloren. Seither haben die Berner bloss zweimal auf dem Hardturm verloren: im Mai gegen GC und jetzt gegen den FC Zürich.
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