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NZZ, 19.04.2006
Mehr Selbstkritik, weniger Selbstherrlichkeit
Die Young Boys und der Versuch, nach dem verlorenen Cup-Final vorwärts zu schauen
bsn. Das Stade de Suisse war fest in der Hand der siegtrunkenen Walliser, der Pokal seit einigen Minuten ebenso, das YB-Team in den Katakomben verschwunden, da erscholl über Lautsprecher - einsam und vertraut - eine Berner Stimme. Kuno Lauener mit Züri West - «I ha di gärn gha». Gewiss, die Worte galten einer Frau, nicht Laueners gelb-schwarzer Fussball-Liebe - doch was war in diesem Moment naheliegender als die Überlegung, wie passend dieser Refrain wohl sein könnte. Wie viele Berner sich nach dem verlorenen Cup-Final von YB abwenden würden.
«Die Glut ist fast erloschen»
Das Endspiel gegen den unterklassigen FC Sion galt als Chance für YB, im neuen Stadion mit Verspätung die Emotionen zu wecken und viele Berner auf Dauer zu fesseln. Die Vorfreude war gross, das Stade de Suisse erstmals der Young Boys wegen ausverkauft, und sogar der Bundesplatz voller Fans. Der Rahmen stimmte - aber der Inhalt nicht. «Wir haben wieder viel Arbeit vor uns, damit die Berner wirklich an YB glauben», meint Stefan Niedermaier, der CEO des Stade de Suisse, mit 24 Stunden Distanz. In wirtschaftlicher Hinsicht (Fan-Zuspruch), habe man «ein halbes Jahr» verloren - «die Glut, die leicht funkelte, ist fast wieder erloschen».
Marcel Hottiger, der Sportchef, sagt, der Tag danach habe aus «sehr viel Gesprächen und sehr viel Selbstkritik» bestanden - «wir reduzierten uns nicht nur auf die Leistung der Schiedsrichter». Damit folgte Hottiger den Medien, die sich am Montag in der Beurteilung der (enttäuschenden) Berner Leistung auffallend einig gewesen waren - und keinerlei Gehör gezeigt hatten für den Trainer Gernot Rohr, der nach der Niederlage Taktik und Mannschaft verteidigte und lieber Schiedsrichter und Medien schalt. Ob er gerade deshalb auf Widerstand stiess? Weil er regelmässig Unparteiische, die Schweizer Liga und hiesige Gepflogenheiten anprangert? So nützlich Kritik von aussen sein kann - zu pauschal geäussert, trifft sie manchmal die Falschen. Es ist zu hören, der Basel-Trainer Christian Gross habe sich stark an Rohrs Aussage in der NZZ vom letzten Samstag gestört, international sei der Schweizer Fussball etwas naiv - erfolgreiche Teams liessen nicht so viele Tore zu wie Basel jüngst in Middlesbrough.
Uefa-Cup-Prämie verdoppelt
Auf Rohrs tendenziell arrogantes Verhalten nach dem Cup-Final angesprochen, sagt der Sportchef Hottiger, Rohr zeige sich gegen aussen nie selbstkritisch - «das entspricht nicht seinem Charakter». Der Stadion-CEO Niedermaier meint, wer verloren habe, könne nicht sagen, alles sei gut gewesen. Und mit Blick auf die Zukunft sagt er, dass «wir aufpassen müssen, nicht selbstherrlich zu werden».
Nachdem Rohr und sein Team das Ziel «Uefa- Cup» auf dem verhältnismässig leichten Weg gegen Sitten verpasst haben, stehen sie in der Liga unter grossem Druck. Von Seiten der Klubleitung wird der dritte Rang gefordert - und reichlich versüsst: Am Montag ist die Prämie für das Erreichen des Uefa-Cups auf Initiative eines Investors um 50 Prozent erhöht worden. Finanzielle Verlockungen hin oder her - für den Endspurt fehlt dem Trainer neben Hodel (Bänderriss im Sprunggelenk, zehn Tage Pause) just der Lieblingsspieler Everson, der gegen Sitten einen Kreuzbandriss erlitt und für mindestens ein halbes Jahr ausfällt. Was ist, wenn der Ausfall des Kopfes des Teams zu schwer wiegt? Erlischt die Fan-Glut gänzlich? Doch vielleicht sehen die Berner alles halb so schlimm. Vielleicht fühlen sie wie Kuno Lauener, der singt, er habe gelitten wie ein Hund und doch nichts gesagt.
_________________ For Ever
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