01.06.2013

Zitat:
Respektvoll, aber nicht lieb
Der Kreis schliesst sich. In Thun, wo er seine Karriere lancierte, bestreitet Mario Raimondi am Samstagabend sein letztes Spiel für YB.
Mario Raimondi raucht der Kopf. Unzählige Reaktionen hat er erhalten, seit die Young Boys am Donnerstag das bevorstehende Karrierenende des Flügelspielers verkündeten. «Phasenweise musste ich das Telefon ausschalten, um ein bisschen zur Ruhe zu kommen», sagt Raimondi am Freitagmittag im Stade de Suisse. Noch ist er damit beschäftigt, den Rücktritt zu verarbeiten. Gerne hätte er weiter für die Berner gespielt («ich werde ja erst 33 und bin noch fit»), der Verein offerierte ihm aber keine Vertragsverlängerung. Stattdessen rückt er im Sommer in den Trainerstab. Er übernimmt die U-13 und unterstützt künftig auch U-21-Coach Joël Magnin.
Natürlich schmeichelt Raimondi die Anteilnahme. Er ist ja auch ausserordentlich beliebt in der Fussballszene. «Ich kenne keinen, der ein schlechtes Wort über ihn verlieren würde», sagt beispielsweise der langjährige Weggefährte Marc Schneider, der mit ihm in Thun, beim FC Zürich und bei den Young Boys zusammengespielt hat. Raimondi mag es harmonisch, sein persönliches All-Star-Team (siehe unten) besteht bis auf wenige Ausnahmen aus aktuellen und ehemaligen Mitspielern, mit denen er bis heute auch privat verkehrt.
Diebisch freut er sich, als er mit Daniel Stettler auch einen Ex-Kollegen vom FC Thun ins Team beruft, dem es nicht an die Spitze gereicht hat. Raimondi ist, respektive war, «der liebe Siech» des Schweizer Fussballs. Das ist durchaus freundlich gemeint, allerdings ist die Charakterisierung für einen Profifussballer nicht nur schmeichelhaft. Vor allem nicht, wenn man wie Raimondi Teil jenes YB-Teams war, das 2006 und 2009 die Cupfinals gegen Sion sowie 2008 und 2010 die Endspiele um den Meistertitel gegen Basel verloren hat. Da wird «lieb» rasch auf die ganze Mannschaft adaptiert und muss als Erklärung für den ausbleibenden Titelgewinn herhalten. Raimondi ist das bewusst. Er sagt, er möge «lieb» – auf sich bezogen – nicht. «Es müsste heissen, ich sei ein respektvoller Mensch. Damit könnte ich mich identifizieren.»
Die Tribüne war das Schlimmste
Raimondi ist auch unmittelbar vor dem Abschluss der Laufbahn bescheiden und ein Teamplayer geblieben. Gerne hätte ihn YB am Mittwoch, vor dem letzten Heimspiel der Saison gegen Basel, verabschiedet. Er hat das abgelehnt. «Der Fokus sollte sich vor diesem Spiel nicht auf mich richten», sagt er. Seinen letzten Einsatz leistet er heute Abend in Thun. Der Kreis schliesst sich. Bei den Oberländern war der gebürtige Oberdiessbacher, der heute mit seiner Frau und dem 2-jährigen Sohn in Heimberg lebt, zum Fussballer avanciert. Das war 1997, und die Thuner gehörten der Nationalliga B an.
Fünf Jahre später, nach dem Aufstieg in die höchste Spielklasse, versuchte Raimondi sein Glück beim FC Zürich. Ohne Erfolg; er kehrte bald nach Thun zurück und erfüllte sich 2005 mit dem Wechsel zu den Young Boys «einen Bubentraum», wie er sagt. «Seither habe ich in Bern viele schöne Momente erlebt. Einzelne Siegesfeiern oder Erlebnisse mit den YB-Fans.» Am anderen Ende des Spektrums steht für den Linksfüsser jene Zeit in der vergangenen Saison, in der ihn Trainer Christian Gross auf die Tribüne setzte. «Das Gefühl, nicht gebraucht zu werden, das war das Schlimmste für mich. Schlimmer noch als verlorene Endspiele.»
Angst, die Auftritte im Stadion, Wochenende für Wochenende, und auch der Druck könnten ihm von nun an fehlen, kennt Raimondi nicht. «Auf mich kommt neuer Druck, neue Verantwortung zu. Ich nehme meine neue Aufgabe sehr ernst.» Er sagt, er wolle es auch als Trainer auf die höchste Stufe schaffen. Selbst wenn er bereits vernommen hat, er sei dafür doch «ein viel zu lieber Siech».
http://www.bernerzeitung.ch/sport/fussb ... y/30347724