Aargauer Zeitung / MLZ; 13.04.2007
«Wer macht denn alles richtig?»
Fussball YB-Spielmacher Hakan Yakin ist mit dreissig Jahren den Kinderschuhen entwachsen
Es gibt derzeit viele Sorgenkinder im Schweizer Fussball. Hakan Yakin gehört für einmal nicht dazu. Einer der talentier-

en Fussballer schickt sich an, erwachsen zu werden. Yakin über sich, über YB, über die Nationalmannschaft und über den nächsten Gegner Aarau.
Felix Bingesser
Es gab viele Fussballinteressierte, die sich am vergangenen Wochenende verwundert die Augen gerieben haben. War das tatsächlich Hakan Yakin, der mit der Captainbinde am Arm auf der Schaffhauser Breite kurz vor dem Schlusspfiff in die Höhe stieg? War es tatsächlich dieses als Muttersöhnchen verschriene schlampige Genie, dass da mit aller Entschlossenheit den Siegtreffer erzielte? War es tatsächlich der Mann, der meist fehlte, wenn es darum ging, Verantwortung zu übernehmen und Vorbild zu sein?
Ja, er war es. Hakan Yakin, einst verhätschelter jüngster Sohn der legendären, ein Dreirad fahrenden Emine Yakin und lange Zeit das grosse und ewige Talent. Der kleine Bruder des Murat Yakin, gesegnet mit so viel fussballerischen Gaben wie kaum ein anderer. Aber einer auch, der sich beim kleinsten Gegenwind hinter seiner Playstation versteckte, der in Paris, in Stuttgart, in Istanbul davonlief ohne irgendeine Spur zu hinterlassen. Der viele Trainer und Mitspieler und Fans verzweifelnd und fragend zurückliess.
Jetzt ist Yakin seit bald zwei Jahren in Bern. Geholt als Herz einer neuen YB-Mannschaft, die sich zu einem Spitzenklub entwickeln soll, um den Ansprüchen in der Hauptstadt und den Erwartungen im Stade de Suisse endlich gerecht zu werden. Und es scheint, als habe man, entgegen allen Befürchtungen, aufs richtige Pferd gesetzt. Es scheint, als sei der kleine Yakin tatsächlich geläutert und auf dem Weg dazu, die Rolle zu spielen, die er eigentlich schon seit Jahren spielen könnte. Oder Kraft seines Talentes spielen müsste. Hakan Yakin ist im Februar dreissig Jahre alt geworden. Und er macht sich viele Gedanken.
Zum Beispiel über sich selber: «Ich weiss, dass ich viele Fehler gemacht habe, und ich weiss, dass ich aus meiner Karriere mehr hätte herausholen müssen. Aber wer macht schon immer alles richtig? Ich will nicht zurück- schauen, das bringt nichts. Ich habe meine Erfahrungen gesammelt und meine Lehren daraus gezogen. Ich bereue nichts. Jetzt bin ich dreissig Jahre alt. Und habe das Gefühl, dass man in diesem Alter erst so richtig erfolgshungrig wird. Ich habe nun realisiert, dass meine Karriere nicht ewig dauert und ich fokussiere mich mehr als je zuvor auf meinen Beruf als Fussballprofi. Ich will noch viel erreichen und habe nicht mehr ewig Zeit. Mit zwanzig Jahren ist man ein Mitläufer, aber jetzt spüre ich, dass sich jüngere Spieler an mir orientieren. Das verpflichtet, ich muss auf und neben dem Platz ein Vorbild sein. Ich muss weiter lernen, weil ich auch über meine Aktivkarriere hinaus im Fussballgeschäft bleiben möchte.»
Zum Beispiel über YB: «Ich spüre das Vertrauen des Trainers und das beflügelt mich. Und es ist auch meine erste Saison seit langem, in der ich ohne Schmerzen und ohne Verletzungen durchspielen kann. YB hat viel Potenzial, wir werden uns im Sommer noch einmal gewichtig verstärken. Dies war für mich auch ein Grund, meinen Vertrag bis ins Jahr 2010 zu verlängern. Wir wollen in den nächsten Jahren um den Titel kämpfen und wir wollen auch international wieder eine Rolle spielen. Die wunderbaren Abende, die ich beim FC Basel in der Champions League mitmachen durfte, diese Freude möchte ich auch bei YB nochmals erleben. Wir wollen neben dem FC Basel und dem FC Zürich die dritte Fuss- ballkraft im Lande werden.»
Zum Beispiel über die Nationalmannschaft: «Wir sind in einer ganz schwierigen Phase und ich glaube nicht, dass mit der Ausbootung von Johann Vogel alle Probleme gelöst sind. Wir haben zu viele Spieler, die an sich zweifeln. Vor allem, weil sie bei ihren Vereinen nicht Stammspieler sind. Ich weiss, wie es für mich war, als ich in Stuttgart nie spielte. Ich freute mich immer auf die Nationalmannschaft. Aber dort habe ich die Leistung nicht gebracht, weil mir die Spielpraxis fehlte, weil ich keinen Rhythmus hatte. Die Frage, ob Köbi Kuhn noch der richtige Nationaltrainer ist, beantworte ich mit einer Gegenfrage: Wer soll es denn sonst tun? Ich konzentriere mich auf meine eigene Leistung. Natürlich, ich war vor der WM sehr enttäuscht, dass mich Köbi Kuhn mit dem Hinweis auf charakterliche Defizite vorerst nicht aufgeboten hat. Das hat weh getan. Aber nachtragend bin ich nicht. Mein Ziel ist die EM im eigenen Land. Da will ich unbedingt dabei sein und dafür werde ich alles tun. Es ist eine einmalige Chance für uns alle. Die müssen wir nutzen, die kommt nicht zurück.»
Zum Beispiel über die zwei nächs- ten Spiele gegen Aarau: «Aarau ist im Aufschwung. Aber wir wollen zweimal gewinnen und dann schauen, wo wir in der Tabelle stehen. Die Vereine, die vor uns klassiert sind, spielen ja gegeneinander. Der Titel ist für uns kein Thema mehr. Aber wir wollen unter die ersten drei, wir wollen in der kommenden Saison international dabei sein. Dass wir in Bern auf Kunstrasen spielen, wird immer mehr zum Vorteil. Das Spiel ist viel schneller, es ist für technisch gute Spieler die ideale Unterlage. Allerdings tun wir uns dafür in den Auswärtsspielen schwer, die Umstellung gelingt uns nicht immer. Von daher war der Sieg in Schaffhausen sehr wichtig.»
«Ich habe das Gefühl, dass man mit dreissig Jahren erst so richtig erfolgshungrig wird»
«Die Worte von Köbi Kuhn haben weh getan. Aber ich bin nicht nachtragend»