26.02.2023

Zitat:
Aufgefallen bei FCZ – YB
Nun trotzen sie auch den Grippesymptomen
Ein formstarker Gegner, zweimal Rückstand und mehrere Spieler, die zuletzt nicht richtig trainieren konnten – und dennoch geht beim 2:2 gegen den FCZ eine fast unheimliche YB-Serie weiter.
YB kränkelt
Auf den ersten Blick machte es den Anschein, als schiele Raphael Wicky zumindest ein bisschen bereits in Richtung Dienstag. In der Liga führen die Young Boys die Tabelle ja komfortabel an, da wäre eine leichte Priorisierung des Cup-Viertelfinals gegen Thun verständlich. Doch Fabian Rieder und Christian Fassnacht sassen am Samstagabend gegen den FCZ zu Beginn nicht deshalb auf der Bank, sondern weil sie unter der Woche kaum trainierten. Sie hatten Grippesymptome, ähnlich wie vor ihnen Kastriot Imeri, er verpasste die Partie vergangene Woche gegen Lugano – und gegen Zürich fehlte Jean-Pierre Nsame krankheitsbedingt.
«Bereits vor der Lugano-Partie kränkelten vier, fünf Spieler», erzählt Wicky, das ging danach so weiter. Aber das solle natürlich keine Ausrede sein, schob der YB-Trainer nach, diplomatisch wie so oft. Und: «Jetzt müssen wir halt einfach schauen, dass alle anderen gesund bleiben, geben uns die Faust, statt die Hand. Dann bringen wir das auch noch über die Runden.»
YB kontert
Die grosse Spannung ist an der Tabellenspitze ja nicht mehr da, das dürfte sich auch kaum ändern, da Verfolger Servette am Sonntagnachmittag gegen Winterthur nur zu einem 1:1 kam und der Rückstand somit weiterhin 13 Punkte beträgt. Und dennoch sind in Bern nicht alle glücklich mit dieser YB-Ausgabe 2022/23, spielerisch überzeugen die Young Boys tatsächlich nur selten. Viele lange Bälle, wenig Konstruktives, so lautet der Vorwurf vieler YB-Fans, auch gegen einen kompakten, gut organisierten FCZ hatten die Berner beim Kreieren von Chancen ihre liebe Mühe. Und als Jonathan Okita die Zürcher in der 40. Minute in Führung brachte, schien die Aufgabe noch schwerer zu werden.
Doch dieses YB würde nicht so deutlich die Super League anführen, hätte es nicht so viel Qualität. Als der FCZ noch dem verpassten 2:0 nachtrauert, weil Aiyegun Tosin mit einem Schlenzer die Latte trifft, haben die Young Boys mal etwas Platz, Ulisses Garcia spielt einen vertikalen Pass auf Cheikh Niasse, der nach vorne auf Donat Rrudhani und dieser in die Tiefe auf Joël Monteiro. So schnell geht es – und schon steht es 1:1. Ein Konter, wie man ihn bei YB nicht so oft sieht, weil es oftmals gar nicht die Gelegenheit dazu erhält.
Monteiro macht es wie Nsame
Nsame dient aktuell als ziemlich gutes Beispiel für die Young Boys, auch die Bewertung des kamerunischen Stürmers ist relativ paradox. Mit 13 Treffern führt er die Torschützenliste an, dennoch ist der 29-Jährige im YB-Sturm nicht komplett unumstritten. Oftmals sei er zu unsichtbar, oftmals unauffälliger als beispielsweise der zuletzt formstarke Cedric Itten. Gegen Zürich fehlt er krankheitsbedingt auf dem Matchblatt, für ihn erhält Monteiro gegenüber Meschack Elia den Vorzug.
Dieser Monteiro ist ja irgendwie das Gegenstück von Nsame, er betreibt viel Aufwand, in seinen 14 Ligaspielen zuvor in dieser Saison blieb er jedoch torlos. Ohnehin traf er bis zu diesem Zeitpunkt in 23 Super-League-Partien nur einmal. Dann hat er gegen den FCZ seinen grossen Moment, als er von Rrudhani in die Tiefe geschickt wird, seine Gegenspieler mit dem Ball am Fuss abschüttelt und allein vor Yanick Brecher die Coolness bewahrt, um den Ausgleich zu erzielen. Nur schon diese Aktion rechtfertigt seine Nominierung. Sie ist auch ein Lohn für immer wieder ansprechende Leistungen, die aufgrund fehlender Erfolgserlebnisse aber nicht immer entsprechend gewürdigt werden.
YB bleibt 2023 noch ungeschlagen
Bei aller Kritik am YB-Spiel – gegen einen formstarken FC Zürich bewiesen die Young Boys mal wieder ihre vielleicht grösste Stärke: Standhaftigkeit. Zweimal geraten sie in Rückstand, doch beide Male kommen sie zurück, obwohl Trainer Wicky vor dem Spiel klar war, dass sein Team gegen einen solchen Gegner kaum viele Chancen herausspielen dürfte.
Natürlich, landete Tosins Schuss in der 56. Minute nicht an der Latte, sondern ein paar Zentimeter darunter, wäre die Aufgabe nochmals ein Stück unangenehmer geworden. Dennoch spricht es für den Charakter und die Wucht dieser Mannschaft, dass sie in der 75. Minute nochmals in Rückstand gerät und am Schluss trotzdem dem Siegtreffer näher ist als der zuletzt fast schon euphorisierte Gegner. Und so nehmen die Young Boys (mal wieder) auch dann Punkte mit, wenn vieles nicht planlässig läuft, wenn der Trainingsbetrieb zuvor wegen einer Grippewelle gestört wird. Mit dieser Widerstandsfähigkeit überrascht es nicht, dass die Young Boys seit 17 Spielen nicht mehr verloren haben – das 1:2 in St. Gallen ist mittlerweile schon fast ein halbes Jahr her.
FC Zürich - Young Boys 2:2 (1:0)
Letzigrund. - 15’393 Zuschauende. - Tore: 40. Okita 1:0. 57. Monteiro 1:1. 75. Tosin 2:1. 84. Fassnacht 2:2.
YB: Racioppi; Blum, Amenda, Zesiger, Garcia; Niasse; Rrudhani (65. Elia), Imeri (78. Fassnacht), Ugrinic (65. Rieder); Itten, Monteiro.
Bemerkungen: YB ohne von Ballmoos, Camara, Rüegg, Zbinden (alle verletzt) und Nsame (krank). 56. Lattenschuss Tosin.
https://www.bernerzeitung.ch/nun-trotze ... 0183790152