07.03.2021

Zitat:
Die Baisse zur Unzeit
YB in der Ajax-Woche: Kratzer im Lack
Vor dem Höhepunkt gegen Ajax Amsterdam sind die Young Boys resultatmässig aus dem Tritt geraten. Und sie müssen wohl auf ihren Goalie David von Ballmoos verzichten.
Resultate mögen im Fussball die stärkste Währung sein. Aber die ganze Geschichte erzählen sie selten. Dreimal unentschieden, so etwas hätte rund um ein YB aus längst vergangenen Zeiten die Frage aufwerfen können, ob dieser Verein noch vom Fleck komme. Dreimal unentschieden, davon einmal gegen den FCB, das wäre einem YB aus anderen Zeiten auch ein Strohhalm gewesen, an den man sich geklammert hätte. Wir sind ja auf Augenhöhe, wir können ja mithalten.
Dreimal unentschieden, bei den Young Boys der Saison 2020/21 ist das eine Premiere. Noch nie haben sie in dieser Spielzeit länger als zwei Partien nacheinander nicht gewonnen. Siegen ist für dieses YB, das auch nach dem 1:1 am Samstag gegen Vaduz mit 19 Punkten Vorsprung auf Platz 2 da- und nach menschlichem Ermessen als Meister feststeht, zu einer Gewohnheit geworden.
In der Meisterschaft kann also kaum Geschirr zerbrechen, auch wenn sich die Young Boys an einem tief stehenden Gegner die Zähne ausbeissen wie am Samstag am leidenschaftlich gegen den Abstieg kämpfenden Vaduz. «Wir können mit dem Punkt leben», sagt YB-Trainer Gerardo Seoane zum dritten Unentschieden in Serie schon fast gönnerhaft.
Neun Rotationen – Camara verblieb als einziger Feldspieler
Ausgerechnet jetzt aber folgt ein Höhepunkt. Der Auftritt bei Ajax Amsterdam am Donnerstag im Achtelfinal der Europa League ist das bislang grösste Spiel der Saison. Die Kratzer im Lack treten gewissermassen just in der Woche des Autosalons zutage. Auch wenn die drei sieglosen Runden höchstens eine Resultatkrise darstellen. Noch immer scheinen die Young Boys fähig, in der Super League das Tempo nach Belieben selber zu bestimmen. Seoane rotiert in diesen englischen Wochen achtzehn bis zwanzig Fussballer gleichmässig durch die Mannschaft, ohne dass sie je auseinanderbrechen würde.
Das ist bemerkenswert, und am Samstag gegen Vaduz sind es gar neun Wechsel, die der Trainer im Vergleich zum Spiel am Mittwoch in Basel vornimmt – Mohamed Camara ist der einzige Feldspieler, der in beiden Startaufstellungen steht. «Wir können uns diesen Luxus im Moment leisten», sagt Seoane zum ligaweit einzigartigen Rotationskonzept von YB.
Und weil YB auch gegen Vaduz genügend Chancen hatte, um das Spiel siegreich zu gestalten, muss man vorderhand auch noch nicht zum Schluss kommen, dass die Rochaden der Dynamik schaden. Zumal Seoane alle Spieler gleichmässig einsetzt. Rutschen sie von einer Runde auf die nächste ins Team, sind sie in der Regel bestens im Rhythmus.
Spycher: «Uns fliegen die englischen Wochen nur so um die Ohren»
Rund um YB scheint man in den letzten Jahren ein Klima geschaffen haben, das es zulässt, aufkommende Unruhen noch im Keim zu ersticken. Als Sportchef Christoph Spycher vor zwei Jahren im Gespräch war für den Posten als Manager der Nationalmannschaft, verlängerte YB zum Auftakt der Rückrunde 2019 den Vertrag mit ihm. Und als jetzt Gerüchte aufkamen, Eintracht Frankfurt bemühe sich nach dem Abgang seines Sportdirektors Fredi Bobic um Spycher, verkündete dieser am Freitag auf eigene Initiative, dass er bei YB bleiben werde.
«Es hätte nicht sein dürfen, dass wir in dieser Woche eine grosse Partie spielen und etwas anderes die Schlagzeilen dominiert», erklärt sich Spycher am Samstag. Mit seiner Offensive hat er den vor allem aus Deutschland aufziehenden Gerüchten den Wind aus den Segeln genommen. Der 42-Jährige findet es deplatziert, sich aktuell über seine eigene Karriere öffentlich Gedanken zu machen. «Uns fliegen die englischen Wochen nur so um die Ohren, wir wissen manchmal nicht, ob Sonntag, Donnerstag oder Samstag ist. Da weiss ich doch auch nicht, was in fünf Jahren ist.»
Dem Sturm der nächsten Wochen können die Young Boys nach der Festigung ihrer wichtigsten Personalie und aus der überlegenen Position in der Meisterschaft gelassen entgegenblicken. Und doch gibt es für sie vor dem Spiel gegen Ajax mehr als nur den kleinen Makel von drei Remis in Serie. Goalie David von Ballmoos blieb nach seinem Zusammenprall mit dem Vaduzer Torschützen Dejan Djokic lange liegen. Noch am Samstagabend wurde er für Abklärungen ins Spital gefahren, am Sonntag war klar: Er fällt mit einer Hirnerschütterung aus, wahrscheinlich auch gegen Amsterdam. Auch Ulisses Garcia schied aus, seine Fussverletzung bedarf noch weiterer Abklärungen.
Für von Ballmoos einspringen wird Guillaume Faivre, wie er das auch schon am Samstag und zu Beginn der Saison tat, als von Ballmoos einmal mit Adduktorenproblemen kämpfte.
Mit dem Fakt, dass YB in einem Heimspiel gegen den Aufsteiger kein Sieg gelang, mag sich Trainer Seoane vor dem Abflug am Mittwoch nach Amsterdam nicht lange aufhalten. Vielmehr erkennt er im Defensivkonzept der Liechtensteiner gewisse Parallelen für den Auftritt von YB am Donnerstag. «Auch für uns wird es da mehr als gewohnt ums Verteidigen und ums Kontern gehen, wir werden weniger Ballbesitz haben.» Bewusst schiebt er die Rolle dem holländischen Rekordmeister und Tabellenführer zu, der am Wochenende gegen Groningen zu einem komfortablen Sieg kam. Seoane sieht das Selbstvertrauen seiner Mannschaft nach wie vor gross. Nach neun Siegen in dreizehn Spielen könne man auch im neuen Jahr mit gutem Gewissen sagen, «dass bei uns die Automatismen greifen».
Resultate mögen im Fussball die stärkste Währung sein. Aber die ganze Geschichte erzählen sie selten. Die Young Boys jedenfalls werden am Donnerstag um eine Reaktion bemüht sein.
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