19.02.2021

Zitat:
Nach dem Wahnsinn gegen Leverkusen
Kontern – das kennt YB aus der Liga nicht
Das verrückte 4:3 gegen Leverkusen bietet den Young Boys reichlich Stoff für die Analyse. Der Fussball, wie sie ihn am Donnerstag erlebt haben, hat nichts mit dem Alltag in der Super League und dem Spiel am Sonntag gegen Servette zu tun hat.
Die erste Halbzeit hätte für die Young Boys ewig weitergehen können. Und die zweite zog sich für sie hin, sie wurde lang und länger, und etwas Länge war am Ende auch in Christian Fassnachts Gesicht, als er kurz nach Schlusspfiff in die Kamera sagte: «Wenn du 3:0 führst, möchtest du auch gegen einen Bundesligisten nicht 4:3 gewinnen.»
Es ist am späten Donnerstagabend nach dem Schlagabtausch zwischen YB und Leverkusen das Fazit einer spektakulären Partie, in dem bereits das ganze Berner Dilemma anklingt. Regelrecht zu schweben schienen die Young Boys auf ihrem Weg in die Kabine, dem Nationalspieler Fassnacht gelang eine phänomenale erste Halbzeit, auch seinetwegen sagte ein angefressener Leverkusener Trainer Peter Bosz noch nach 90 Minuten: «In dieser Halbzeit haben wir alles falsch gemacht, was man falsch machen kann.»
Lustenberger staunt: «Da war plötzlich ein Gang mehr drin»
Und regelrecht überrollt wurden die gleichen Young Boys später, die Dynamik aus der ersten Halbzeit war plötzlich weg, vor allem aber stand da ein Gegner, wo vorher keiner da gewesen zu sein schien. Die Leverkusener Angriffslinie zeigte ihre Klasse, der kaltblütige Patrik Schick, der schnelle Moussa Diaby, der überragende Zuzug Demarai Gray. «Da war plötzlich ein Gang mehr drin», musste YB-Captain Fabian Lustenberger anerkennen.
Auch er versuchte sich dem Leverkusner Ausbruch entgegenzustellen, was ihm freilich nicht immer nach Wunsch gelang. Lustenberger wurde ein ums andere Mal überrannt, sah bei zwei von drei Gegentoren nicht so gut aus. «Es war ein sehr anspruchsvolles Spiel für uns», sagte er, meinte das vor allem taktisch, offenbarte aber auch: YB wird in der Liga kaum je so gefordert.
Man merkte gestern schnell, dass im Wankdorfstadion ein besonderes Spiel anstand. An der Ambiance lag das nicht, sie war gleich wie immer und gerade an diesem Abend besonders unwürdig. Doch die Partie hatte eine Intensität, wie man sie in der Super League nicht zu Gesicht bekommt. «Wir haben in dieser Situation einigermassen bestanden, das gibt uns ein gutes Gefühl», meinte Lustenberger.
Die drei Gegentore müssen YB ärgern, sie trüben die Aussichten für das Rückspiel am nächsten Donnerstag in Nordrhein-Westfalen. «Es ist eigentlich ein grossartiges Spiel, und wir gewinnen es», sagte der Berner Trainer Gerardo Seoane. YB fährt mit dem winzigen Vorsprung von einem Tor nach Deutschland, vor allem aber mit der Hypothek der drei Gegentore. «Und deswegen fühlt sich der Sieg nicht ganz so gut an, die Gegentore wiegen schwer, und sie sind ärgerlich.»
Das Wochenende bringt den Young Boys mit der Partie gegen Servette wieder ein Spiel, in dem sie von A bis Z den Ton angeben dürften – oder in dem das zumindest von ihnen erwartet wird. «Wir haben auch gekontert heute, das war unüblich», sagte Seoane und beschreibt den Spagat, der YB in diesen zwei Wochen umtreibt: In der Liga läuft bei YB vor allem der Ball, gegen Leverkusen lief man zumindest eine Halbzeit lang phasenweise auch viel hinterher.
Das Spiel am Sonntag im Wankdorfstadion gegen die zuletzt aus dem Tritt geratenen Genfer wirkt für die Berner auf ihrer gerade so aufregenden Europareise wie eine lästige Pflicht. Tritt YB mit dem Schwung aus der ersten Halbzeit gegen Leverkusen an, dürfte sie sich souverän meistern lassen.
Und am nächsten Donnerstag in Deutschland beim Rückspiel in der Europa League würde den Young Boys ein Unentschieden reichen. «Aber darauf werden wir nicht abzielen», sagte Michel Aebischer noch. Denn das Spiel könnte für sie lang und länger werden.
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