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 Betreff des Beitrags: Re: (5) Steve von Bergen
 Beitrag Verfasst: Samstag 25. Mai 2019, 12:28 
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Das letzte Spiel von Steve von Bergen: Der Abgang eines grossen Captains

Nach 19 Jahren beendet Steve von Bergen seine Karriere. Zuvor gibt er Einblick in seine Gefühlswelt und erzählt aus seinem Leben.

Ein Spiel noch. Dann ist die Karriere vorbei, liegen 19 Jahre Profifussball hinter ihm und es beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Aber noch wartet ein letzter Höhepunkt auf den YB-Captain. Nach der Partie gegen den FC Luzern wird Steve von Bergen am Smastagabend den «Kübel» wie im Vorjahr in die Höhe stemmen, und die Fans werden ihm und der Mannschaft zujubeln.

Zwei Tage zuvor sitzt Von Bergen in einem leuchtend gelben YB-Shirt an einem Tisch im Bauch des Stadions. Er weiss, er gibt eines seiner letzten Interviews als Spieler. Im Juni wird er 36 Jahre alt und sein Körper hat ihm empfohlen, die Laufbahn zu beenden. Als der Neuenburger beginnt, aus seinem Leben zu erzählen, sprudeln die Sätze wie ein Wasserfall:

«Was ich am kommenden Montag mache? Zu Hause im Garten arbeiten. Meine Frau hat mich vorgewarnt. Es sei alles vorbereitet, dass ich gleich damit beginnen könne. Sie weiss natürlich, dass ich schon nach ein paar Tagen ohne Sport und Bewegung gestresst bin.

Die Entscheidung, die Karriere zu beenden, reifte während Wochen. Wenn ich nach Bern ins Training fuhr, habe ich siebenmal meine Meinung geändert: Spiele ich weiter für YB? Gehe ich zu Xamax? Mache ich Schluss? Eines Morgens stand ich auf und sagte: ‹Okay, ich höre auf!› Hätte ich nur auf das Herz gehört, hätte ich weitergespielt.

Ein Teil von mir ist traurig

Aber der Körper hat eine andere Sprache gesprochen. Erstmals in meiner Karriere habe ich physisch gelitten, brauchte viel Zeit für die Erholung und hatte nach dem Aufstehen Schmerzen. Die vielen Spiele mit der Champions League, der Kunstrasen … Ich erkannte, dass ich in der nächsten Saison nicht mehr die bisherige Leistung erbringen würde.

Seit ich meinen Entschluss gefasst habe, bin ich viel ruhiger. Und es ist ja auch schön, mit zwei Meistertiteln abzutreten. Es wird noch einmal ein besonderer Moment sein, wenn ich am Samstagabend vom Klub verabschiedet werde und den Pokal in den Händen habe. Ich weiss nicht, wie ich darauf reagieren werde.

Natürlich beschäftigt mich dieser Abschied sehr. Ein Teil von mir ist traurig. Ich werde vieles vermissen, das Training, die Kabine, die Copains. Der grössere Teil in mir aber freut sich auf das, was kommt. Auf die Familie und die Freizeit. Ich kann essen, was ich will und muss nicht mehr früh ins Bett.

Davon hatte ich als Junior geträumt

Ich bin mir bewusst, was für ein Riesenprivileg es war, 19 Jahre lang Fussball spielen zu dürfen. Dafür bin ich sehr dankbar. Auch vielen Personen wie meinem Juniorentrainer Christophe Moulin. Er hatte mir einst erklärt, im Fussball gebe es Künstler und Arbeiter. Ich aber würde nicht zur ersten Kategoriegehören. Dieser Satz hat mich die ganze Karriere über begleitet. Ich wusste immer, dass ich nicht so viel Talent besass und mehr arbeiten musste, als die anderen, um auf das gleiche Niveau zu kommen.

Ich habe aus meinen Möglichkeiten das Maximum herausgeholt, war gut im Lernen. 80 Prozent meiner Karriere verdanke ich meiner Mentalität, nicht dem Talent. Ich bin Alain Geiger ewig dankbar, dass er mir damals bei Xamax eine Chance gegeben hat. Davon hatte ich als Junior geträumt. Lucien Favre als Trainer zu haben, war das Beste, was mir passieren konnte. Er hat mich zu dem Spieler gemacht, der ich bin. Er hat mich vom FCZ zu Hertha in die Bundesliga mitgenommen.

Eine Ehre

Dass ich einmal im Ausland spielen würde, neben Hertha gab es ja noch die Serie A mit Cesena und Palermo, hätte ich nie für möglich gehalten. Genauso wenig, einmal Nationalspieler zu werden. Bei der WM in Südafrika mit dem 1:0-Sieg gegen Spanien dabei zu sein, war das Grösste. Wie der 2:1-WM-Erfolg gegen Ecuador vor 70 000 Zuschauern in Brasilia. Solche Emotionen erlebst du nur im Fussball.

Wenn ich daran denke, wie wir vor einem Jahr mit YB gegen Luzern Meister wurden, als Wölfli den Penalty hielt und Nsame uns kurz vor Schluss zum Titel schoss … Ich bin glücklich, dass ich solche Momente erleben durfte. Es war mir eine Ehre, YB-Captain zu sein. Ich habe immer versucht, auch jene Spieler, die unzufrieden oder unglücklich mit ihrer Situation waren, aufzubauen. Ich musste bei YB fünf Jahre auf den ersten Titel warten. Dass wir es geschafft haben, die Mentalität zu ändern, den FC Basel an der Spitze des Schweizer Fussballs abzulösen und in dieser Saison 88 Punkte zu holen, macht mich stolz.

Bald Trainer?

Jetzt brauche ich etwas Zeit und Abstand, um alles zu verdauen. Die 19 Jahre sind wie im Flug vergangen. Ich werde mit der Familie verreisen und Freunde besuchen. Aber ich kenne mich und weiss, dass ich bald neue Herausforderungen brauche. Ich bin YB dankbar, dass ich bei diesem Klub meinen Weg suchen darf. Es kann gut sein, dass ich Trainer werde. Vielleicht, um junge Verteidiger auszubilden oder um später ein Profiteam zu führen.

Meine siebenjährige Tochter hat mich gefragt: «Papi, was muss ich antworten, wenn mich andere fragen, was mein Papi von Beruf ist?» Ich habe gesagt: «Schatzi, ich weiss nicht so recht. Zu sagen, er sei pensioniert, tönt seltsam. Vielleicht sagst du einfach: Er ist ein ehemaliger Fussballspieler.»


4 Meistertitel

schmücken das Palmarès von Steve von Bergen. Zwei mit dem FCZ, zwei mit YB. In der Champions League spielte er mit YB gegen Juventus Turin, ManUnited und Valencia.

50 Länderspiele

bestritt Von Bergen. Das erste im September 2006, das letzte im Juni 2016. Er spielte 2010 und 2014 bei der WM und war im EM-Kader 2016. Vor der EM 2008 hatte er sich verletzt.

632 Pflichtspiele

stehen vor der Dernière am Samstag gegen den FC Luzern auf Von Bergens Konto. Sein Profidebüt in einem Pflichtspiel hatte er als 17-Jähriger am 7. Oktober 2000 in einem Cupmatch für Xamax gegen Biel gegeben. Er spielte
370 Mal in der NLA/Super League, bestritt 68 Bundesliga- und 96 Serie-A-Partien. Dazu kommen 59 internationale Partien auf Vereinsebene.


https://www.aargauerzeitung.ch/sport/da ... -134524500

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 Betreff des Beitrags: Re: (5) Steve von Bergen
 Beitrag Verfasst: Sonntag 26. Mai 2019, 02:28 
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Der verrückte Abgang von Meister-Held Steve von Bergen

Ab Montag ist er Gärtner

Es ist ein Märchen: Steve von Bergen schiesst sein 
1. Tor im 325. Spiel für YB. Und tritt ab.

Dieser Abend gehört einem. Einem alleine. Klar. Kevin Mbabu, der nach Wolfsburg geht, kriegt seine Standing Ovation, als er in der 80. Minute ausgewechselt wird. Klar, Assistenztrainer Harry Gämperle geht zu Hertha BSC Berlin und wird verabschiedet. Loris Benito geht auch. Möglicherweise zu Bordeaux, möglicherweise zu einem anderen Klub. Ebenso Thorsten Schick, zu Rapid oder Austria Wien. Auch Christian Fassnacht und Djibril Sow werden gehen. Aber es ist ein anderer, der die Geschichte dieses Abends ganz alleine schreibt. Steve von Bergen.

Und das Ende ist derart kitschig, dass kein halbwegs vernunftbegabter Drehbuch-Autor sich so etwas hätte einfallen lassen können. 
325 Spiele hat Von Bergen für YB gemacht. Und nie getroffen. Nie, nie, nie. Man redet davon, ihm einen Penalty zu schenken, sollte es denn einen geben. Nichts da. Von Bergen steht kurz vor der Auswechslung. Für eine Standing Ovation und so. Die YB-Viertelstunde bricht an. Schick schickt sich an, einen Freistoss zu treten. Von Bergen schleicht sich nach vorne. Geht dann entschlossen zum Ball. Und versorgt ihn im Kasten. Tor! Tor durch Von Bergen!

Das dritte Tor der Karriere

Eine Viertelstunde vor Karriere­ende. Das erste Tor für YB. Das dritte in der grossen Karriere des 35-Jährigen im 633. Spiel. Alle 
18 438 Minuten ein Tor. Aber dieses hier? Als sich seine Kameraden auf ihn stürzen, vergräbt Von Bergen sein Gesicht. Ins Adrenalin mischen sich Tränen. Nicht zum ersten Mal. Nicht zum letzten. «Unglaublich», sagt der Neuenburger. «So etwas kann es doch gar nicht geben!» Gewitzelt hätten sie in der Kabine. «Wir sprachen von Robben, von Ribéry, von Barnetta. Aber dass es passiert? Ich meine, mein letztes Tor liegt doch zehn Jahre zurück. Nur der Fussball gibt dir solche Emotionen.»

Und nun? «Am Montag muss ich im Garten arbeiten», sagte Von Bergen im Vorfeld in der «Schweiz am Wochenende». Seine Frau habe ihn bereits vorgewarnt, dass alles vorbereitet sei. Nichts könnte den Neuenburger trefflicher charakterisieren als die unmittel­barste Zukunft des erdverbundenen Familienvaters. Mit Von Bergen geht der Vorzeige-Normalo der Liga.

Sanogo kam im Ferrari

Gegenschnitt zu Sékou Sanogo. Der kam eigens aus Saudi-Arabien angereist. Und fuhr in einem gelb-schwarzen Ferrari vor. Eine Medaille gabs für den Ivorer dennoch nicht. Und an der Pokalübergabe durfte er auch nicht teilnehmen, obwohl er in der Vorrunde noch für YB spielte. So sind die knallharten Vorschriften.

Gerry Seoane, der Trainer, kriegte eine – und war natürlich stolz wie Anton auf sein Team: «Fühlt sich grandios an. Perfektes Drehbuch. Mein erster Pokal. Zuerst freuen wir uns für die Leute, die gehen. Allen voran für Steve.» Das tat natürlich auch Christian Fassnacht, der erneut ein Riesenspiel machte. «Wir wollten Steve einen perfekten Abschluss bereiten. Dass er dann noch das Tor schiesst, ist das Tüpfelchen aufs i.»

Hoarau ist Torschützenkönig

Für einmal stiehlt der Verteidiger dem Glamourboy im Sturm die Show. Und doch: Guillaume Hoarau hat natürlich die Hauptrolle inne im Saisonfilm, der so unfassbar kitschig endet. Er bucht sein 24. Tor und holt in seiner fünften Spielzeit den ersten Torschützenkönig-Titel, den er gefühlt immer hätte gewinnen müssen. 123 Spiele in der Super League, 92 Tore. Wahnsinn!

Wie die ganze Saison von YB. Das gestern war nur noch das Ende und der Abspann. Ein unvorstellbar kitschiger Abspann. Der FC Luzern seinerseits verpasst nach dem 0:4 in Bern die direkte Europa-League-Qualifikation und beendet die Saison auf Platz 5.


https://www.blick.ch/sport/fussball/sup ... 42712.html

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 Betreff des Beitrags: Re: (5) Steve von Bergen
 Beitrag Verfasst: Sonntag 26. Mai 2019, 11:06 
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26.05.2019

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Ein märchenhafter Abschied für Steve von Bergen

Mit dem 4:0 gegen Luzern krönt YB die Meistersaison. Held des Spiels ist der zurücktretende Captain Steve von Bergen.

Aus der Rubrik: Geschichten, die nur der Fussball schreibt. In der Hauptrolle: Steve von Bergen. Am 11. April dieses Jahres verkündete er seinen Rücktritt per Ende Saison. Der YB-Captain ist der Typ, der im Hintergrund rackert und sich nie in den Vordergrund drängt. Im Spiel gegen Luzern kommt er allerdings nicht darum herum. Der Abend gehört ihm alleine.

Von Bergen hat viele herausragende Qualitäten. Eines macht er ganz selten: Tore schiessen. Zwei Treffer erzielte er in seiner Laufbahn: 2004 mit Xamax gegen YB, 2013 in der Serie A mit Palermo gegen Sampdoria. Bei den Young Boys traf er in 235 Einsätzen nie. Bis Samstag. Bis zu seinem letzten Spiel. Bis er endgültig zur Legende wurde. Es wurde spekuliert, ob Guillaume Hoarau ihm in den letzten Partien einen Strafstoss überlässt. Aber wie sich zeigt, ist das gar nicht nötig. «Schade, dass meine Teamkollegen versucht haben, einen Elfmeter für mich rauszuholen. Sie haben nicht an meine Kopfballstärke geglaubt», sagt von Bergen.

Die Ehrung und die Choreo

Vor Spielbeginn ist im ausverkauften Stade de Suisse alles angerichtet. Die Zuschauer zelebrieren ihre Meisterhelden. Nebst den Feierlichkeiten ist es aber auch Zeit für Verabschiedungen. Während beim FC Luzern noch das Warmlaufen fortgesetzt wird, verschwinden die Gelb-Schwarzen in die Garderobe. Mannschaft und Staff kehren zurück, stellen sich auf, um Spalier zu stehen und den scheidenden Spielern einen würdevollen Abschied zu leisten.

Nach der Verabschiedung von Assistenztrainer Harald Gämperle, Physiotherapeut Matthias Gubler und den Club-Ärzten Andreas Brand und Cuno Wetzel, dem langjährigen Teamarzt der Schweizer Auswahl, folgen die Spielerehrungen. Den Start macht Sékou Sanogo, der in der Winterpause zum FC Ittihad nach Saudiarabien wechselte. Der Ivorer war vom einen auf den anderen Tag weg, eine offizielle Verabschiedung fand nie statt. Aus diesem Grund flog er für dieses Spiel in die Schweiz.

Eine schöne Geste, die vom Publikum mit stehenden Ovationen und Fangesängen gefeiert wird. Dasselbe gilt für Thorsten Schick, der YB verlassen und wohl zurück in die Heimat zu Rapid Wien wechseln wird. Für Loris Benito, der mit Bordeaux in Verbindung gebracht wird. Für Kevin Mbabu, der zu Wolfsburg in die Bundesliga wechselt. Und natürlich für Captain von Bergen. Sie alle haben mit den Tränen zu kämpfen, von Bergen fällt der Abschied am schwersten. Für die anderen geht die Karriere weiter, für den bald 36-Jährigen endet sie.

Und auch an der Choreo merkt man: Es ist von Bergens Abend. Als er sein Team zum letzten Mal als Captain, mit seiner Tochter an der Hand, aufs Feld führt, ziert ein grosses Bild von ihm die Fankurve, mitten im gelben Fahnenmeer. Komplettiert wird das Ganze mit dem Schriftzug: «Häregstange uf u näbem Platz! Merci für di Isatz, Steve!» Ja, von Bergen stand immer hin, er war ein Captain aus dem Lehrbuch. So feucht wie das Wetter, so feucht sind von Bergens Augen. Es ist nicht das letzte Mal an diesem Samstag.

Die Führung und der Rat

Vor lauter Emotionen vergisst von Bergen gar den Gang zum Münzwurf, der für ihn in etwa so ist, wie für viele Menschen am Morgen der Weg zur Kaffeemaschine. Es ist die einzige kleine Unachtsamkeit, die ihm an diesem, an seinem Abend passiert. Die Young Boys spielen offensiv, kommen durch Djibril Sow und Ulisses Garcia zu Möglichkeiten. Letzterer zirkelt nach 27 Minuten einen Freistoss auf den Kopf Guillaume Hoaraus – 1:0. Nachdem «Air France» die letzten vier Saisons auf dem zweiten Platz der Torschützenliste beendete, sichert er sich diese Saison mit 24 Treffern in 28 Spielen die Torjägerkrone.

Und was macht von Bergen? Er spielt noch einmal wie in seinen besten Zeiten. Wobei: Es sind bei YB vielleicht seine besten Zeiten. Er grätscht, was das Zeug hält, bei den Zweikämpfen und vor allem in den Luftduellen behält er die Oberhand, dirigiert die Mitspieler, diskutiert mit dem Schiedsrichter. Und als YB in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit einen Eckball zugesprochen bekommt, bleibt er als Einziger hinten und sichert ab. Genau das ist typisch von Bergen. Den Erfolg der Mannschaft stellt er über persönliche Bedürfnisse.

Ersatzgoalie Marco Wölfli sieht sich in der Pause gezwungen, zu intervenieren, wie von Bergen später erzählt. «Steve, du musst auch mal mit nach vorne gehen!», fordert Wölfli. Zurück auf dem Platz, kniet Wölfli vor von Bergen nieder. Um ihn zu vergöttern? Oder um ihn zu bitten, seinem Rat zu folgen? Aber von Bergen tut dies vorerst nicht. Seine Vorderleute sind bestrebt, die magische 100-Tore-Marke zu knacken, Christian Fassnacht trifft zum 2:0.

Und nach einer Stunde wieder eine Szene, die sinnbildlich für von Bergen steht. Nachdem er den Zweikampf gegen Blessing Eleke verliert, opfert er sich, stoppt ihn regelwidrig und sieht Gelb. Es dürfte ihm so lang wie breit sein.

Das Tor und der Abschied

Eigentlich läuft es YB in dieser Saison durchs Band positiv. Umso bitterer ist es, dass sich Sandro Lauper gegen Luzern ohne Fremdeinwirkung verletzt. Der 22-Jährige wird mit der Krankenbahre abtransportiert, eine schwere Knieverletzung, lautet die erste Diagnose. Am Montag finden weitere Untersuchungen statt. Und als ihn Nicolas Ngamaleu ersetzt, braucht der Kameruner keine zwei Minuten, ehe er sich für das Tor der Saison bewirbt. Nach Fassnacht-Flanke trifft er per Seitenfall-Rückzieher zum 3:0, gespielt sind 70 Minuten.

Nun stellt sich noch eine, ziemlich abenteuerliche, Frage: Gelingt von Bergen dieser eine Treffer? Just zum Anbruch der YB-Viertelstunde liefert der Captain die Antwort. Thorsten Schick legt sich den Ball zum Freistoss bereit. Und siehe da: von Bergen ist mittendrin statt nur dabei. Schick bringt den Ball in den Strafraum und leitet das Märchen ein. Von Bergen hat wohl auf Wölflis Rat gehört, er schleicht sich in die Mitte, köpft den Ball ins Netz und bringt das Stade de Suisse zum Beben.

Seine Kameraden stürzen sich auf ihn, er kann es selber kaum fassen. Und da sind sie wieder, die feuchten Augen, wobei es jetzt doch eher schon Tränen sind. Eine Geschichte, die eigentlich zu schön ist, um wahr zu sein. Immer wenn man denkt, diese Mannschaft könne keinen mehr drauflegen, beweist sie das Gegenteil. «Das ist YB-like, schon fast unheimlich, was für Geschichten wir schreiben», meint Fassnacht. Knapp zehn Minuten später ist Feierabend für von Bergen in diesem Spiel. In seiner Karriere.

Die Zuschauer stehen noch einmal auf für ihn, singen für ihn, die Mitspieler umarmen ihn. Schick, Fassnacht und Ngamaleu kämpfen gar mit den Tränen – wie natürlich von Bergen selber. Der Schweizer Fussball verliert eine grosse Figur. Nach 19 Jahren als Profi, beinahe 500 Pflichtspielen, darunter 50 im Nationalteam, nach Stationen in der Schweiz bei Xamax, Zürich und YB, in Deutschland bei Hertha Berlin, in Italien bei Cesena und Palermo, sagt von Bergen also Adieu.

Mit seinem dritten Karrieretor, seinem ersten für YB im letzten Spiel. Mehr Kitsch geht nicht. Wenig später ist das Spiel vorbei, die Young Boys gewinnen gegen Luzern 4:0. Die Spieler liegen sich in den Armen, gehen vor die Fans, derweil wird alles für die Pokalübergabe vorbereitet. Auch Lauper lässt sich wieder blicken, schreitet mit Krücken aufs Podest. Und natürlich ist es Captain Steve von Bergen, der den Pokal in Empfang nehmen darf.

Der Vater und die Tür

Die Spieler geniessen den Moment, posieren für Fotos mit dem Pokal. Und wer der gefragteste Mann ist, diese Frage erübrigt sich. Von Bergen springt von Interview zu Interview, dazwischen findet er Zeit, um mit Familie und Freunden zu plaudern, die Augen feucht, die Medaille um den Hals gehängt.

«Jetzt habe ich das letzte Kapitel auf die schönste Art beenden können.»
Steve von Bergen


Eigentlich fehlen ihm die Worte, aber trotzdem könnte er es nicht treffender beschreiben: «Unglaublich!» Sekunden später hat er die Worte wieder gefunden: «Jetzt habe ich das letzte Kapitel auf die schönste Art und Weise beenden können.»

Wie wichtig er für dieses Team war, zeigen die Reaktionen seiner Mitspieler. Christian Fassnacht bezeichnet ihn als «den besten Captain», den er je hatte.

«Das kann doch nicht wahr sein.»
Christian Fassnacht


Und fügt hinzu: «Bei seinem Tor dachte ich nur: Das kann doch nicht wahr sein. In den anderen Spielen war er nie gefährlich, und ausgerechnet im letzten Spiel macht er das Tor. Das ist unglaublich.» Unglaublich, das Wort des Abends, das auch der erst 18-jährige Jan Kronig in den Mund nimmt.

Kronig debütierte beim 6:1-Sieg gegen GC in der Innenverteidigung neben dem Captain. «Er gab mir Sicherheit. Ihm habe ich ein erfolgreiches Debüt zu verdanken. Er ist der Vater dieser Mannschaft.» Oder kurz gesagt: «Är isch eifach ä geilä Siäch.» Auch Fassnacht spricht in höchsten Tönen über von Bergen: «Bei uns im Team hat diese Saison vieles top funktioniert, und Steve war einer der wichtigsten Bausteine dafür. Mit ihm verlieren wir eine wichtige Figur.» Auch Fassnacht könnte YB verlassen. Obwohl, so wie er es sagt, klingt es nicht nach Abschied. «Stand jetzt bin ich da. Aber egal, ob ich hier bleibe oder nicht: Ich werde Steve vermissen.» Er ist nicht der Einzige.

Die Feierlichkeiten neigen sich dem Ende zu, die Spieler verschwinden in der Garderobe, um sich frisch zu machen und in der Champions Lounge und in der Stadt weiterzufeiern. Nur von Bergen ist noch auf dem Feld. Sichtlich mitgenommen, aber auch erleichtert, erscheint er in den Katakomben. Die Tür zur Garderobe ist abgeschlossen. «So schnell geht das also», sagt er und schmunzelt. Wobei ihm die Tür auch in Zukunft offen steht. Er übernimmt bei YB eine neue Aufgabe. «Ich muss jetzt erst mal alles verdauen, danach schauen wir, in welche Richtung es geht.»


Young Boys - Luzern 4:0 (1:0)

31'120 Zuschauer. - SR Bieri. - Tore: 27. Hoarau (Freistoss Garcia) 1:0. 49. Fassnacht (Schick) 2:0. 72. Ngamaleu (Fassnacht) 3:0. 75. Von Bergen (Freistoss Schick) 4:0.

Young Boys: Von Ballmoos; Mbabu (80. Lotomba), Von Bergen (88. Assalé), Benito, Garcia; Schick, Lauper (70. Ngamaleu), Sow, Fassnacht; Hoarau, Nsame.

Luzern: Zibung; Schwegler, Lucas, Custodio, Sidler; Ndenge, Voca; Vargas, Schulz, Schürpf (86. Schneuwly); Eleke (64. Demhasaj).

Bemerkungen: Young Boys ohne Sulejmani, Aebischer und Camara (alle verletzt). Luzern ohne Knezevic und Juric (beide verletzt), Lustenberger, Salvi, Ugrinic, Feka und Rodriguez (nicht im Aufgebot). Benito, Mbabu, Schick und Von Bergen bei YB offiziell verabschiedet. 42. Lattenschuss Nsame. 70. Lauper verletzt ausgeschieden. Verwarnungen: 27. Voca (Foul). 33. Mbabu (Foul). 46. Vargas (Unsportlichkeit). 59. Von Bergen (Foul). 74. Sidler (Foul).


https://www.bernerzeitung.ch/sport/fuss ... y/23271504

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 Beitrag Verfasst: Sonntag 26. Mai 2019, 11:52 
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 Betreff des Beitrags: Re: (5) Steve von Bergen
 Beitrag Verfasst: Sonntag 26. Mai 2019, 14:08 
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Hockey-Jalonen in Festlaune

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3. Karriere-Tor gegen Luzern

Hier schreibt Von Bergen sein YB-Abschiedsmärchen

In Zusammenarbeit mit Teleclub präsentiert BLICK die Highlights der Partie YB – Luzern 4:0.


https://www.blick.ch/sport/fussball/sup ... 42627.html

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 Betreff des Beitrags: Re: (5) Steve von Bergen
 Beitrag Verfasst: Dienstag 28. Mai 2019, 16:53 
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Endlich mehr Papizeit!

YB-Captain Steve von Bergen wird Familien-Kapitän

19 Jahre Profifussball, sechs Jahre YB. Steve von Bergen sagt im schönsten Moment Adieu. Seine Ehefrau Haira hat bereits einen neuen Job für ihn.

aint-Blaise am Neuenburgersee. Die Sonne kämpft sich mit der Kraft des späten Frühlings durch die Wolken, das Wasser glitzert in verschiedenen Blautönen. Ein Kursschiff tuckert Richtung Neuenburg. Steve von Bergen, 35, blickt auf den See hinaus. Es ist ein Bild mit Symbolcharakter. Denn schon bald bricht der Captain des Schweizer Fussball-Meisters Young Boys auf zu neuen Ufer.

Nach 19 Jahren Profileben beendete er am Samstag gegen Luzern seine Karriere. «Es ist schwierig, sich vorzustellen, wie das sein wird», sagt von Bergen. Etwas ist ihm aber schon jetzt klar: «Ich werde die Tränen nicht zurückhalten können.» Neben ihm steht Ehefrau Haira, 32: «Ich war mir fast sicher, dass er noch ein Jahr weitermacht. Eines Morgens sagte er mir zwar, er höre auf. Aber nach dem nächsten Sieg wollte er wieder zwei Jahre weiterspielen.»

Die Entscheidung fiel Steve von Bergen nicht leicht

Tatsächlich war der YB-Captain hin und her gerissen: «Allein auf der kurzen Fahrt von Saint-Blaise nach Neuenburg habe ich meine Meinung vermutlich fünfmal geändert.» Dass er nun einen Schlussstrich zieht, ist für ihn logisch: «Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist. Und was gibt es Schöneres, als mit dem Meisterpokal in Händen abzutreten?»

Für Tochter Alessia, 7, wird der Schritt des Vaters aber nicht ganz einfach. «Sie hat es geliebt, ins Stadion zu kommen», erzählt von Bergen, «und das Grösste für sie war es, als ihr Vater auf einem Panini-Bildchen abgebildet war.» Damit ist nun Schluss. Schon vor einigen Wochen wollte Alessia von ihrem Vater wissen: «Was muss ich den anderen Kindern sagen, wenn sie mich fragen, was du jetzt machst?» Von Bergen lacht, wenn er diese Geschichte erzählt. Doch eine Antwort hat er nicht.

Wird der YB-Captain nun Hausmann?

Was er sicher weiss: Die Young Boys geben ihm die Möglichkeit, weiter im Klub zu arbeiten. Zunächst will er Abstand gewinnen und das machen, was er seit Jahren nicht mehr tun konnte – ausgedehnte Ferien im Sommer: «Wir werden ans Meer und in die Berge fahren – für volle sechs Wochen.» Anfangs sei eine Reise durch Australien zur Debatte gestanden, aber für Söhnchen Hugo wären die Strapazen zu gross.

Von Bergen junior ist erst 18 Monate alt. Die Familie wird für Steve von Bergen künftig noch stärker ins Zentrum rücken. Ehefrau Haira sagt: «Die Zeit im Fussball war für uns alle ein grosses Privileg. Aber nun können wir ein normales Familienleben führen. Darauf freue ich mich ganz speziell.» Und für ihren Steve hat sie schon den einen oder anderen Auftrag: «Jetzt muss er kochen – und den Garten bestellen.» Sie sagt es mit einem herzlichen Lachen – und fügt an: «Steve ist nicht nur ein guter Fussballer, auch als Ehemann und Vater ist er Extraklasse.»

chon während seiner Aktivzeit stellte von Bergen das Wohl seiner Liebsten über Verdienst und Reputation. Als ihm der Rummel bei der US Palermo zu gross wurde, entschied er sich für die Rückkehr in die Schweiz: «In Italien ist es nicht möglich, sich als Fussballer frei in der Öffentlichkeit zu bewegen.» Von Bergen erinnert sich an ein Derby gegen Catania: «Bevor wir in den Car stiegen, verabschiedeten uns 3000 Fans beim heimischen Stadion. Und nachdem wir durch einen Treffer in der letzten Minute einen Punkt gegen den Erzrivalen gerettet hatten, wurden wir von 6000 Tifosi frenetisch gefeiert. Die Fans rissen uns vor Begeisterung alle Kleider vom Leib.» Als er morgens um fünf Uhr in den Unterhosen nach Hause gekommen sei, stellte sich ihm ein grundsätzliches Problem: «Was sagst du in einer solchen Situation deiner Frau?»

Der sizilianische Begeisterungssturm konnte von Bergens Privatleben nichts anhaben. Und auch sonst ist der 50-fache Internationale erfrischend normal geblieben. Hier schreitet von Bergen allerdings ein: «Was heisst schon normal? Im Fussball genügt es vermutlich, dass man kein Auto für 100 000 Franken fährt und nicht jeden Tag neue Kleider kauft, um normal zu wirken.»

In Saint-Blaise wird Steve von Bergen nun das Familienlegen geniessen

Diese Selbsteinschätzung bestätigt seine Bescheidenheit. Von Bergen wurde von seinen Eltern – Vater Jean arbeitet bei der Post, Mutter Nadine bei der Neuenburger Kantonsverwaltung – nach konservativen Massstäben erzogen. Dies änderte sich auch nicht, als er bei Neuchâtel Xamax im Jahr 2000 das erste Profiangebot erhielt. Sein Vater habe ihm gesagt, das sei schön und gut: «Aber zuerst machst du das KV fertig.» Fussballerisch schlägt von Bergens Herz für YB: «Ich hab hier sportlich eine Heimat gefunden.»

Zu Hause ist für ihn aber Saint-Blaise. Hier wohnt er Tür an Tür mit seinem besten Freund – Xamax-Stürmer Raphaël Nuzzolo. Die beiden kennen sich seit der Jugend und haben schon manches Grillfest zusammen gefeiert. Dies wird sich in Zukunft intensivieren. Für Steve von Bergen mit einem entscheidenden Unterschied: «Ich kann ohne schlechtes Gewissen ein Bierchen trinken.»


https://www.schweizer-illustrierte.ch/f ... en-kapitan

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 Beitrag Verfasst: Sonntag 9. Juni 2019, 00:40 
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Neu in der Rolle des Experten

Von Bergen: «Habe immer noch das Gefühl, Fussballer zu sein»

Steve von Bergen ist bei der Nations League in Portugal erstmals als Co-Kommentator für RTS unterwegs. Im Audiobeitrag erzählt er aus seinem neuen Leben.

Der Perspektivenwechsel kam flugs zustande. Vor 2 Wochen noch erlebte Steve von Bergen, jüngst mit den Berner Young Boys 2-facher Schweizer Meister, seine letzte Sternstunde als Aktiv-Fussballer.

Der Romand, der am Montag seinen 36. Geburtstag feiern kann, hat auch 50 Nati-Spiele in den Knochen. Das grosse Wissen und den reichen Erfahrungsschatz nutzt der frühere Innenverteidiger bei seiner neuen Aufgabe als Co-Kommentator für das Westschweizer Fernsehen.

Im Radio-Beitrag oben erzählt Von Bergen aus seinem neuen Alltag. Er verrät: «Wenn ich morgens erwache, habe ich manchmal immer noch das Gefühl, Fussballer zu sein. Ich frage mich dann, wann das nächste Training ansteht.»


https://www.srf.ch/sport/fussball/natio ... er-zu-sein

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 Beitrag Verfasst: Mittwoch 19. Juni 2019, 12:21 
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Steve von Bergen lernt, loszulassen

Seit Montag trainiert YB wieder. Ohne Steve von Bergen. Er lernt, dass Fussball vorerst nicht mehr sein Leben bestimmt.

Das Bild war gewöhnungsbedürftig: Steve von Bergen an den Final-Four-Spielen der Nations League in Portugal als Co-Kommentator des welschen Fernsehens oben auf der Pressetribüne. Ausgerechnet von Bergen, einst als «Journalistenfresser» bezeichnet, weil er ganz schön bockig sein konnte, wenn ihm etwas missfiel. Ausgerechnet von Bergen trägt eine Medienakkreditierung, sitzt nicht weit neben den Journalisten vom «Blick», mit denen er seit Jahren nicht mehr spricht.

Ausgerechnet von Bergen, der keine zwei Wochen vorher seine Karriere bei YB derart märchenhaft beendete. «Wenn mir einer gesagt hätte, dass ich mal mit ‹Blick›-Journalisten im gleichen Medienbus unterwegs sein werde, hätte ich das nicht geglaubt», sagt er. Mit sachlicher Kritik habe er nie ein Problem gehabt. «Aber einiges ging unter die Gürtellinie, man wollte mich als Captain nach einer schwachen Leistung mit YB bei Dynamo Kiew wegschreiben. Wenn mich jemand fertigmachen will, dann muss ich mit diesen Leuten nicht mehr reden.» Er habe sich immer schützend vor Verein und Mitspieler gestellt und authentisch sein wollen.

Leiden und Freude

Man konnte herrlich streiten mit Steve von Bergen. Manchmal flogen die Fetzen, der Romand war zuweilen patzig, verlor aber nie den Respekt. Interessant sind Gespräche mit ihm stets. Er spricht kompetent über allerhand Fussballthemen. Wie die spielerische Entwicklung des Nationalteams. Den Videoschiedsrichter, den er gar nicht mag, weil Fehler zum Fussball gehören würden und es absurd sei, anhand von 15 Kameras eine Abseitsstellung von einem Zentimeter festzustellen («der VAR tötet die Emotionen und macht den Fussball kaputt»).

Und seinen Rücktritt: «Ich hatte tausendmal hin und her überlegt, ob ich aufhören will. Sie hätten mich nach einem Spiel am nächsten Morgen sehen sollen, ich konnte zu Hause fast nicht mehr die Treppe runterlaufen.»

«Ich hätte keinem Verein das geben können, was er von mir erwartet.»

Eines Morgens im Frühling sei er aufgewacht und habe seiner Frau gesagt, die Karriere sei zu Ende. «Sie konnte es nicht glauben, sie hatte sogar auf einen Zettel geschrieben, dass ich weitermachen würde.» Aber er habe letzte Saison zum ersten Mal nicht mehr in jedem Training ans Limit gehen können. «Ich hätte keinem Verein mehr das geben können, was er von mir erwartet.» Nicht seinem Heimatclub Xamax, schon gar nicht YB. Nur einmal habe er gedacht, der Rücktritt sei ein Fehler, nach einem hart erkämpften Sieg Ende Saison. «Dafür spielte ich Fussball, für das Leiden und die gemeinsame Freude danach.»

Verlust und Verarbeitung

Vor zwei Tagen begannen die Young Boys schon wieder mit der Vorbereitung auf die neue Saison. Ohne von Bergen. Er wird fehlen. Auf dem Platz. In der Kabine. Im Spiel. Während den Trainings. Als Captain und Mentor, Leader und Abwehrchef. Am Montag vor einer Woche wurde er 36, das sei ein stolzes Alter für einen Fussballer. «Ich hatte Kollegen, die mussten aufhören, weil sie verletzt waren oder keinen Vertrag mehr erhielten. Ich wollte nie zur Last fallen.»

Realisiert hat er den Ruhestand nach fast 20 Jahren als Profi noch nicht. «Ich wache auf und denke ans nächste Training. Ich will früh zu Bett gehen, weil ich seriös leben muss.» Richtig hart werde es, wenn YB das erste Saisonspiel bestreite. Wenn die Auslosung zum Champions-League-Playoff sei. Solche Dinge.

Reisen und Treffen

Von Bergen bleibt bei YB, das Feld ist weit offen, man kann sich den Neuenburger als Trainer vorstellen. Als Sportchef. Als Nachwuchschef, Talentmanager, Scout. Als TV-Experten. Mittlerweile sogar als Journalisten. Vorerst nimmt er sich ein paar Monate Zeit, um Gedanken zu ordnen und Dinge zu tun, für die er als Fussballer keine Zeit hatte. Seinen Nachfolger und Freund Fabian Lustenberger traf er kürzlich.

Seinen sehr guten Freund und Nachbarn Raphaël Nuzzolo unterstützte er nach der Roten Karte im Barrage-Hinspiel Xamax - Aarau (0:4). «Raphaël hat niemals, niemals, niemals den Schiedsrichter angespuckt.» Das Rückspiel schaute er nicht, so enttäuscht war er, die Schlussphase verfolgte er dann doch. Die Rettung von Xamax passte zu seinem fantastischen Frühling.

Im Sommer will er mit seiner Familie durch Europa reisen, Spanien, Frankreich, Italien, Kollegen besuchen, Leben geniessen, frei sein. Aber zum Schulbeginn wird er zurück sein, die Tochter ist 7. «Und der Sohn ist eineinhalb, deshalb verzichten wir auf eine Weltreise, er ist zu klein.» Von Bergen will beim einstigen YB-Kabinensitznachbar Sékou Sanogo in Saudiarabien vorbeischauen, es interessiert ihn, wie es da ist. «Klar, Sékou ging nicht primär wegen des Projekts, er verdient dort viel Geld. Aber er spielt bei einem Topclub vor manchmal 60'000 Zuschauern.»

Lust und Lernwille

Mit YB hat von Bergen nichts fixiert, es gibt mit Sportchef Christoph Spycher eine mündliche Vereinbarung, dass er vorerst in den Betrieb reinschaue. «Wann, ist offen», sagt von Bergen. Und: «Ich fühle mich geehrt, gibt mir YB diese Chance. Ich habe grosse Lust, zu lernen.» So sieht er das, er sei nun Lehrling. Wobei er bestimmt sofort eine tragende Rolle bei einigen der schlecht geführten Clubs in der Super League übernehmen könnte. «Ich weiss doch gar nicht, wie ein Verein funktioniert. Es gibt so viele Sachen, von denen ich keine Ahnung habe. Mein Zuhause war immer die Kabine.»

«Ich fühle mich geehrt, gibt mir YB diese Chance. Ich habe grosse Lust, zu lernen.»

Von Bergen plant, den Trainern von der U-16 bis zur U-21 über die Schultern zu gucken, Coachingdiplome zu erwerben (er hat die C-Auszeichnung), eventuell ein Fernstudium zu absolvieren. «Ich lasse mir Zeit. Das ist ein Privileg, das ich schätze.» Er freut sich, von Scoutingchef Stéphane Chapuisat zu lernen, von Ausbildungschef Gérard Castella und Nachwuchschef Christian Franke, den Talentbetreuern und natürlich Sportchef Spycher. Eine Visite in der Medienabteilung ist nicht vorgesehen.

Vorerst will von Bergen erst mal seinen Abschied verarbeiten. «Ich habe alles gegeben, 19 Jahre lang. Ich sage immer, meine Karriere habe ich zu 80 Prozent meiner Mentalität zu verdanken. Andere waren talentierter.» Drei Tore erzielte er als Profi, das letzte war dieses 4:0 gegen Luzern, das eine überragende YB-Saison glanzvoll abrundete. «Ich war meistens der kleinere Innenverteidiger und bei Standards für die Absicherung vorgesehen.

Man hat das zwar vielleicht nicht gesehen, aber auf den ersten Metern war ich immer schnell», sagt er. Gegen Luzern ging er erstmals seit Jahren nach vorne, Guillaume Hoarau und Nicolas Ngamaleu hätten ihn entgeistert angeschaut, der Ball Thorsten Schicks kam rein, von Bergen schloss im Stile eines Torjägers mit dem Kopf ab. Vermutlich hätte von Bergen einige Treffer geschossen, wäre er ab und zu im gegnerischen Strafraum aufgetaucht. «Mir war es immer wichtiger, Tore zu verhindern», sagt er. 1000 Mal habe er vor dem Luzern-Spiel Szenarien durchgespielt, ein Treffer war nie dabei.

Trainer und Traumspiel

Von Bergen spricht umfassend über seine sechs YB-Jahre, in denen er gefühlt immer besser wurde – und noch grösser als Persönlichkeit. Über den ersten Meistertrainer Adi Hütter, mit dem er stundenlang kontrovers diskutiert habe. «Ich dachte, das ist krank, wie er spielen will, und dass wir viele Tore erhalten würden.» Vor der Titelsaison habe Hütter gesagt, von Bergen müsse endlich akzeptieren, der Trainer sei der Chef. «Und ich habe akzeptiert. Heute bin ich Adi unglaublich dankbar.»

Über den zweiten Meistertrainer Gerardo Seoane, der die Fussballer jeden Tag gefordert habe, das sei herausfordernd und interessant gewesen. Über seinen besten Trainer Lucien Favre, ein «Wahnsinniger», ein «Fachmann», nicht nur taktisch. «Jeder Spieler entwickelt sich unter ihm weiter.»

Über sein schönstes Spiel mit YB, das eigentlich sein letztes sein müsste. Wobei: «Das Heimspiel gegen Luzern ein Jahr zuvor war noch grossartiger, das 2:1, nach fünf Saisons bei YB mit Hochs und Tiefs war der Meistertitel die Belohnung für harte Arbeit.» Die Penaltyparade von Marco Wölfli, der das so sehr verdient gehabt habe. Das späte Tor von Jean-Pierre Nsame. «Ich bekomme immer noch Hühnerhaut, wenn ich an diesen Abend denke.»

Baku und Brasilien

Sein schlechtestes Spiel sei in der Europa-League-Qualifikation 2015 in Baku gegen Karabach gewesen – Rote Karte nach 75 Sekunden wegen einer Notbremse, Elfmeter für den Gegner. Schlimm sei die Niederlage im Cup in Le Mont gewesen («da waren wir richtig in der Krise»), schmerzhaft das 1:2 im Cupfinal vor einem Jahr gegen Zürich («ich hätte gerne einmal den Cup gewonnen»), schrecklich die Partie an der WM 2014 in Brasilien gegen Frankreich. «Ich musste nach neun Minuten mit einer Gesichtsverletzung raus, am nächsten Tag wurde ich schon im Inselspital operiert. Aber ich durfte 50 Länderspiele bestreiten, darauf bin ich stolz.»

Der beste Mitspieler bei YB sei ganz klar Miralem Sulejmani gewesen. «Ein unfassbar starker Fussballer. Schnell, technisch versiert, hervorragende Standards. Er ist der Beste, aber nie arrogant, immer nett.» Der heftige Umbruch beunruhige ihn nicht, selbst wenn vier, fünf Leistungsträger nicht mehr dabei seien. «Die Verantwortlichen haben einen Plan.» Und nun könnten andere aus dem Schatten treten. «Spieler wie Michel Aebischer, der sich toll entwickelt.»

Zürich und Luzern

Er werde die Kabine vermissen, klar, die Teamkollegen auch, 30'000 Zuschauer im Stade de Suisse. Er werde sich bewegen müssen, er sei immer noch Sportler, vielleicht Tennis, Boxen, Fitness. Und er wisse nicht, ob er irgendwo irgendwann bei den Senioren Fussball spielen werde. «Wahrscheinlich werde ich bei den YB-Oldies mitmachen, dann kann ich Chapuisat mit einem Steilpass in die Tiefe schicken.»

«Mein Bild war mir nie wichtig, es ging mir um die Sache.»

6754 Tage vergingen zwischen Steve von Bergens erstem Spiel mit Xamax in der NLA am 26. November 2000 gegen Zürich (3:1) und dem letzten am 25. Mai 2019 mit YB beim 4:0 gegen Luzern in der Super League. Er wurde früh zweimal Meister mit dem FCZ, spät zweimal mit YB, er war bei Hertha Berlin, bei Cesena und Palermo, an grossen Turnieren dabei. «Ich habe das Maximum aus mir herausgeholt», sagt er.

Am Ende des langen Gesprächs steht die Frage, wer denn nun die Zitate von Bergens gegenlese. «Ach, mein Bild war mir nie wichtig, es ging mir immer nur um die Sache.» Aber das sei jetzt egal. «Es ist vorbei.»


https://www.bernerzeitung.ch/sport/fuss ... y/10543688

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