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 Betreff des Beitrags: Re: (11) Renato Steffen
 Beitrag Verfasst: Mittwoch 10. August 2016, 09:48 
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Renato Steffen und die Frage an sich selbst: «Ist es gut, wenn ich so weitermache?»

Sein Wechsel von YB zum FCB sorgte für viel Trubel und böses Blut bei einigen FCB-Fans. Ein halbes Jahr später zieht Flügelspieler Renato Steffen Bilanz – und der 24-Jährige aus Erlinsbach im Aargau verrät seine Ambitionen in der Nationalmannschaft.

Was haben die ersten sechs Monate beim FC Basel aus Ihnen gemacht?

Renato Steffen: Auf die Schnelle behaupte ich: Ich bin immer noch der Gleiche. Aber mir wurde schon gesagt, dass ich etwas ruhiger geworden bin. Und wenn ich so drüber nachdenke, stimmt das wohl. Ich habe in Basel viele neue Leute kennengelernt, ein neues berufliches Umfeld, ein neuer Wohnort – das hat mich alles weitergebracht und reifen lassen.

Sie haben einmal gesagt, Sie müssen Emotionen rauslassen, um auf Topniveau zu spielen. Das ist auch nicht mehr so, oder?

Es hat sich minim etwas geändert: Ich versuche, die Emotionen jetzt anders einzusetzen. Früher war ich in viele verbale Techtelmechtel verwickelt, heute konzentriere ich mich viel mehr auf mich und meine Mannschaft und nicht mehr zu stark auf die Gegenspieler. Und versuche auf diese Weise, meinem Team einen Ruck zu geben.

Haben Sie sich Hilfe bei einem Mentaltrainer geholt?

Das nicht. Aber nach meinem Wechsel zum FCB habe ich innegehalten und mich gefragt: Ist es gut, wenn ich so weitermache? Wenn ich weiter so provokativ Fussball spiele? Ich habe von verschiedenen Seiten gehört, dass das in Basel nicht so gut ankommt und es besser wäre, wenn ich diesbezüglich an mir arbeiten würde.

Die Reaktionen nach Ihrem Wechsel von YB zum FCB waren ja zum Teil sehr heftig. Andererseits wurde es schnell ruhiger, weil Sie schnell gut gespielt haben.

Es gibt noch heute Leute, denen werde ich es nie recht machen können. Das ist einfach so, das gibt es auch sonst im Leben. Ich habe mir nach dem Wechsel selber viel Druck gemacht, direkt Leistung zu bringen und mich so von einer positiven Seite zu zeigen. Schön, hat es so gut geklappt. Ich weiss nicht was passiert wäre, hätte ich mich sportlich nicht so schnell zurechtgefunden in Basel.

Gab es damals Vorfälle, von denen Sie sagen: Das war eine Grenzüberschreitung!

Ich bin dem Ganzen so gut es ging aus dem Weg gegangen, habe anfangs auf Besuche in der Basler Innenstadt verzichtet. Heftig war es zum Teil in den sozialen Netzwerken, wo ich eine grosse Präsenz habe: Dort waren einzelne Kommentare schon unschön. Aber je mehr ich gespielt habe, desto häufiger wurden die aufmunternden Nachrichten. Mittlerweile sehe ich das ganze locker und habe mich damit abgefunden, dass es immer Menschen geben wird, die mich nicht mögen.

Trifft man Sie in der Basler Innenstadt an?

Ja. Und es gab auch einmal eine Situation in der Stadt, wo ich mich wehren musste. Ich war mit meiner Familie in einem Kleiderladen, als eine Person mich anpöbelte und sagte, ich solle abhauen aus Basel. Das ist eine Frage des Respekts, vor allem wenn noch meine Familie dabei ist. Die anderen Male, die ich in der Stadt war, war es okay. Ich bin sehr interessiert daran, mehr zu erfahren über den Ort, wo ich jetzt arbeite, über das Leben und die Menschen. Das ist mir wichtig. Ich will schliesslich wissen, wo ich parken muss, wenn ich in die Stadt gehe (lacht). In Zukunft werde ich mehr unternehmen in Basel.

Ein Schwumm im Rhein ist zu empfehlen.

Habe ich gehört, das reizt mich sehr. Bislang kenne ich den Rhein nur von der Badi in Rheinfelden.

Sind Sie jemand, der aktiv sucht nach all den Sachen, die über Sie geschrieben werden?

Ja schon, es interessiert mich, was andere über mich denken und schreiben. Die Gefahr, dass ich dabei über negative Postings stolpere, ist natürlich grösser. Ich mache mir bei einigen Kommentaren auch Gedanken, was die Person jetzt meinen könnte und ob sie vielleicht Recht hat.

Andere Fussballer sagen, sie geben nichts auf das, was über sie geschrieben wird, das würde nur ablenken.

Ich bin halt so. Und ablenken habe ich mich davon noch nie lassen, ich kann den Fokus schnell wieder auf den Sport richten.

Haben Sie denn das Gefühl, die Menschen da draussen schätzen Sie richtig ein?

Mehrheitlich schon, ja. Es wird geschätzt, dass ich auf dem Platz alles gebe und dass ich ein natürlicher Typ bin. Von den wenigen Personen, die negativ über mich urteilen, würde ich mir ein offeneren Umgang wünschen: Ich bin ein Typ, der offen auf Menschen zugeht und habe keine Vorurteile. Klar, für Aussenstehende ist es schwierig, nah an uns Profifussballer zu gelangen und uns näher kennenzulernen. Aber manchmal wäre es schön, wenn weniger schnell über Menschen geurteilt würde.

Ist es für Sie noch besonders, gegen YB zu spielen?

Ja schon, so lange liegt der Wechsel ja noch nicht zurück. Und ich habe noch Kollegen in der YB-Mannschaft und in Bern. Zudem sind die Erinnerungen an das letzte Spiel weniger gut: Ich habe mich so schwer verletzt, dass ich dadurch nicht an der Europameisterschaft teilnehmen konnte.

Apropos: Das EM-Out hat Ihnen rückblickend gut getan. Sie konnten die komplette Vorbereitung mit dem FCB absolvieren und haben dadurch eine viel dominantere Rolle im Team, die Sie sonst nicht hätten. Einverstanden?

Das kann man so sehen. Andererseits: Ich wäre liebend gern nach Frankreich gefahren. Hätte ich an der EM gut gespielt, würde ich jetzt mit sehr viel Selbstvertrauen spielen. Aber es hat was: Dass ich einen sauberen Aufbau in Basel machen konnte, davon profitiere ich jetzt. Es gab viele Wechsel im Team, da kann es nur ein Vorteil sein, wenn man vier Wochen lang mit den neuen Kollegen zusammenarbeitet.

Haben Sie nach ihrem Verletzungs-Out die EM überhaupt verfolgt? Oder war der Frust zu gross?

Die Schweizer Spiele habe ich natürlich verfolgt, mit einem lachenden und weinenden Auge. Ich hätte auch dabei sein können. Das alles ist aber abgehakt, ich freue mich auf das, was mit dem FCB kommt: Da wartet ein Highlight nach dem anderen.

Hatten Sie seit dem EM-Out Kontakt mit Nationaltrainer Vladimir Petkovic?

Seit unserem Telefonat damals nicht mehr. Letzte Woche habe ich beim Spiel YB-Donezk Co-Trainer Antonio Manicone getroffen und mich kurz mit ihm ausgetauscht. Sagen, ob ich gegen Portugal dabei bin, konnte er mir aber nicht (lacht).

Doch Sie rechnen schon mit einem Aufgebot?

Ich hoffe es sehr, ich wäre enttäuscht, wenn ich nicht dabei wäre. Wenn man beim FC Basel spielt und Leistung bringt, stehen die Chancen sicher nicht schlecht. Ich habe im letzten Jahr die ersten Gehversuche in der Nationalmannschaft gemacht, jetzt möchte ich einen Schritt weiterkommen und auch ein wichtiger Spieler für die Schweiz sein.

Reden wir noch über den FC Basel: Qualität und Breite im Kader sind nochmals gestiegen – gerade auf den Flügeln, wo auch Sie spielen. Wie gehen Sie damit um?

Ich finde das nur gut. Es ist unglaublich, welche Qualität wir haben, im Training geht es hoch zu und her. Dass bei diesem Kader Stammspieler fast nicht möglich sind, ist klar: Dafür können wir wie in Luzern zwei Nationalspieler von der Bank bringen und das Spiel noch drehen. Das zu wissen, gibt allen Spielern ein grosses Gefühl von Sicherheit.

Wie lässt sich das vereinbaren mit dem natürlichen Anspruch eines Fussballers, immer von Anfang an spielen zu wollen?

Der bleibt natürlich immer. Aber gleichzeitig muss man realistisch genug sein: Wir haben ein dichtes Programm und hohe Ziele, da kann ein einzelner nicht alle Spiele machen.

Sie sind nicht mehr der Neue, sondern fast schon arriviert. Wie äussert sich das?

Dadurch, dass ich den Anspruch an mich selber hege, die Mannschaft auf dem Platz auch zu führen. Mit Leistung, aber auch mal verbal. Ich bin nicht mehr das Talent, ich bin bald 25.

Ende August werden die Champions-League-Gruppen ausgelost. Haben Sie Wunschgegner?

Ich bin grosser Ronaldo-Fan. Gegen ihn und Real Madrid zu spielen, wäre natürlich grossartig. Aber hey, in der Champions League gibt es nur attraktive Gegner. Ich freue mich primär darauf, ins Stadion einzulaufen und diese Hymne zu hören. Darüber rede ich seit Jahren mit meinem Vater, er wird eine Träne verdrücken, das ist mein Ziel.

Dass Ihr Vater weint?

Vor Freude natürlich. Er war lange derjenige in der Familie, der skeptisch war gegenüber meinem Willen, Fussballprofi zu werden. Doch seit ich den ersten Profivertrag bei Thun unterschrieben habe, steht er voll hinter mir und lässt mich machen. Jetzt ist meine Mutter skeptischer, sie hat auch beim Wechsel nach Basel gefragt, ob es das Richtige ist, was ich tue. Das Temperament habe ich eindeutig von ihr geerbt.

War in der Sommerpause eigentlich immer klar, dass Sie in Basel bleiben? Sprich: Hatten Sie Wechselgedanken?

Nein, soweit war es nie. Interesse gab es schon von verschiedener Seite, aber nie etwas, das dem, was ich in Basel habe, das Wasser reichen könnte. Der Präsident hat mal nachgefragt, ob ich sicher bleibe. Ja, ich bin keiner, der bei der erstbesten Gelegenheit wieder geht. Ich habe bis 2020 beim FCB unterschrieben und möchte hier etwas aufbauen. Ich möchte auch meinen Kritikern beweisen, dass ich zum FCB gehöre.

Der Traum vom Ausland aber, der lebt.

Das kann ich nicht leugnen. Aber die Messlatte, die der FCB legt, ist sehr hoch. Ich habe noch Zeit.

Sogar zwei, drei Jahre in China liegen noch drin.

Man kann nie wissen (lacht).


http://www.aargauerzeitung.ch/sport/fus ... -130477883

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 Betreff des Beitrags: Re: (11) Renato Steffen
 Beitrag Verfasst: Freitag 7. April 2017, 18:04 
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Renato Steffen im grossen Interview: «Ich habe es nicht gerne, wenn es zu einfach geht»

Im Spiel gegen seinen Ex-Verein YB ist FCB-Flügelspieler Renato Steffen gesperrt. Passend für Einen, der oft zuerst hinfallen muss, um etwas zu lernen.

Renato Steffen, wie sehr nervt es Sie, dass Sie ausgerechnet das Spiel gegen Ihren Ex-Club YB verpassen?

In Spielen gegen YB bin ich sicher immer zusätzlich motiviert, aber schlussendlich ist es ein Gegner wie jeder andere. Darum ist es vielleicht auch halb so schlimm, dass ich nicht spielen kann. Es nervt aber schon ein bisschen, weil es schön gewesen wäre, zu Hause gegen sie zu spielen.

Wie unterscheidet sich ein Heimspiele gegen YB von einem in Bern?

Hier höre ich weniger, dass die YB-Fans pfeifen (lacht). Nein im Ernst, mit den Fans im Rücken und in diesem Stadion ist es sowieso immer schön, wenn es dann noch das Spiel Erster gegen Zweiter ist umso mehr. Natürlich kommen unsere Fans auch zahlreich nach Bern, aber es ist immer etwas gehässiger, wenn ich dort spielen muss.

Können Sie nachvollziehen, dass Ihnen die YB-Fans den Transfer nach wie vor übel nehmen?

Ja, sicher. Der FCB ist ein direkter Konkurrent von YB und hat die Nase immer vorne. Aber am Schluss geht es um meine Karriere, da kann ich nicht auf Wünsche von einzelnen Fans Rücksicht nehmen. Ich muss schauen, was für mich am besten ist. Wenn ich zurückschaue, war bislang jeder Schritt richtig und wichtig. Und ich weiss auch, dass ich jeder Station viel zu verdanken habe.

Haben Sie gewusst, auf was Sie sich mit dem Wechsel einlassen?

Das war mir bewusst, von beiden Seiten her. Aber es war noch nie so, dass ich den einfachen Weg genommen habe und das werde ich auch nie. Ich werde immer versuchen, den harzigen zu nehmen. Das zeigt, dass ich die Motivation habe, um mich durchzubeissen. Das will ich beibehalten.

Brauchen Sie diesen Widerstand?

Ja, ein bisschen brauche ich das schon. Ich habe es nicht gerne, wenn es zu einfach geht. Ich muss immer den Ansporn haben, dass ich mich beweisen muss. Daher habe ich meine Schritte auch immer so gewählt.

Woher kommt das?

Mir wurde von klein auf nie etwas geschenkt. Ich musste immer mehr machen als alle anderen. Dass ich das beibehalte, hat den Grund, dass bei mir eine Lockerheit aufkommt, wenn es zu einfach geht. Und die habe ich nicht gerne. Dann ist die Motivation nicht so da. Das ist ein riesen Kreislauf, unter dem die Leistung leiden würde.

Sie erlebten vor ihrem Wechsel zu YB einen kometenhaften Aufstieg – mussten in Bern dann anfangs aber ziemlich kämpfen. Wie kam das?
Dort waren andere Faktoren im Spiel. Ich hatte das erste Mal viel verdient, habe das alles nicht gekannt und es war, glaube ich, erst mein zweites Jahr im Profisport. Ich wusste noch nicht, wie ich mich genau verhalten musste. Der Verein war grösser, das Geld war mehr. So wurde das erste halbe Jahr zu einer Lernphase, die ich durchlaufen musste. Das war eine schwierige Zeit, in der ich weniger oder gar nicht spielte. Aber ich bin auch einer, der oft erst den Kopf anschlagen muss, bis er etwas merkt. Im Winter hatte ich dann ein Gespräch mit Trainer Uli Forte und dem Präsidenten, in dem sie mir vor Augen führten, dass es so nicht weitergehen kann, weil ich sonst keine Zukunft hätte bei YB. Das war der Anstoss, den ich brauchte, um das Ganze ernst zu nehmen und etwas zu ändern.

Sie haben kürzlich in einem Interview gesagt, in dieser Zeit Fehler gemacht zu haben. Welche das waren?
Ich habe mich zu fest vom Fussball abdrängen lassen. Ich habe mich anfangs bei YB unantastbar gefühlt, so, als könnte mir niemand etwas anhaben. Und so habe ich dann auch gelebt. Ich bin viel raus gegangen, habe mir ein schönes Auto gekauft. Das hätte ich mir im Nachhinein auch gekauft, vielleicht einfach zu einem anderen Zeitpunkt und nicht zwei Monate nach meinem Wechsel zu YB. Das sind alles Sachen, die ich jetzt nicht mehr so machen würde. Aber ich bereue sie nicht.

Gibt es etwas, was Sie bereuen?
Nein, eigentlich nichts. Bei allem, was ich mache, auch wenn es nicht immer gut ist, stehe ich dazu, dass ich es gemacht habe. Es hat immer einen Grund, wieso ich Dinge tue. Vielleicht manchmal auch genau darum, um umzufallen und etwas daraus zu lernen.

Also lernen Sie auch tatsächlich etwas aus Ihren Fehlern.
Das wäre noch von Vorteil. Wenn ich Fehler mache, versuche ich diese nicht zweimal zu machen. Und die kann ich mir eingestehen. Auch wenn es manchmal etwas Zeit braucht und ich das nicht gerne tue.

Machen Sie solche Fehler vielleicht auch deshalb, weil Sie sehr emotional sind?
Auf jeden Fall. Hinzu kommt, dass ich in der Phase, in der ich frisch bei YB war, viele Freunde hatte, die mir gut zugeredet haben. Solche, von denen ich lange nichts mehr gehört hatte, aber auch Leute, die ich neu kennengelernt hatte. Denen wollte ich eine Chance geben, ich bin ein offener Mensch. Aber so vertraut man auch mal den falschen Menschen, denen, die nur profitieren wollen. Als es mir dann nicht so lief, ich wenig oder gar nicht gespielt habe, hat sich dann gezeigt, wer wirklich zu mir steht und wer meine richtigen Kollegen sind. So hat sich mein Umfeld gefiltert und verkleinert, wurde zeitgleich aber umso wichtiger.

Nach Ihrem Wechsel zu Basel kamen Sie in ein neues Umfeld, in die Höhle des Löwen. Sie trauten sich anfangs gar nicht in die Stadt. Hat sich das etwas geändert?
Mittlerweile bin ich schon viel mehr in der Stadt, ja. Ich will den Ort, an dem ich wohne und spiele, auch kennenlernen. Ich bewege mich zwar immer etwa an den gleichen Orten, gehe aber immer neue Wege, damit ich mich langsam zurechtfinden kann. Und es gibt ja genügend Leute, die mir zeigen können, wo ich hin soll. Tauli (Xhaka, Anm. d. Red.) zum Beispiel.

War er auch dabei, als Sie sich erstmals in die Stadt wagten?
Nein, da war Tauli nicht dabei, da war ich mit meiner Familie unterwegs. Das war im Sommer letzten Jahres. Wir wollten einkaufen gehen und ich ihnen die Stadt zeigen. Und genau dann ist einer auf mich zugekommen und hat mich dumm angemacht. Vor meiner Familie. Wenn du dann mal raus gehst und gleich so einen Eindruck bekommst, ist das natürlich schade.

Was ist genau passiert?
Der Typ hat mich gesehen, ist zu mir gekommen und hat mir gesagt, ich solle aus Basel weggehen, er wolle mich hier nicht haben. Dann habe ich ihm gesagt, dass er keinen Respekt habe, mir so etwas vor meiner Familie zu tun. Er solle das irgendwo sonst machen, aber nicht, wenn meine Familie dabei ist. Ich wollten doch einfach nur durch Basel laufen.

Ist so etwas seither noch einmal passiert?
Nicht mehr wirklich. Eher das Gegenteil war der Fall, dass Leute zu mir gekommen sind und Freude haben, dass ich da bin. Die haben ihre Meinung geändert, waren anfangs nicht einverstanden mit meinem Transfer aber finden es mittlerweile gut und sagen mir das auch. Das finde ich schön, dass es auch solche Leute gibt, die offen sind und sich umstimmen lassen.

Es ist ja vor allem ihre emotionale Art, die provoziert. Das hat man ja zuletzt in St. Gallen gesehen, als Sie unter einem gellenden Pfeifkonzert den Platz verliessen. Auch wenn die Pfiffe da auch Davide Callà gegolten haben könnten…
Ich glaube, die waren für beide (lacht).

Wie gehen Sie damit um, fast überall ausgepfiffen zu werden?
Wenn du immer wieder mit Situationen konfrontiert wirst lernst du irgendwann, damit umzugehen. Am Anfang hat es mich gestört, mittlerweile ist es eher das Gegenteil. Ich finde es gut, wenn laute Stimmung herrscht. Dann bin ich nämlich immer top motiviert.

Also frei nach Cristiano Ronaldo: Pfiffe als Antrieb.
Ja, das kann man schon ein bisschen so sehen. Denn genau in diesen Spielen kann ich den Leuten zeigen, dass sie keinen Grund dazu haben.

Ist Ronaldo Ihr Vorbild? Früher war es ja David Beckham.
An Beckham hat mich immer seine elegante Art fasziniert. Schade, dass er nicht länger gespielt hat. Daher ja, liegt der Fokus jetzt auf Ronaldo. Er ist mein grosses Vorbild.

Was beeindruckt Sie an ihm?
Vor allem die Art, wie er mit Situationen umgeht. Er zieht immer seine Linie durch, es ist ihm egal, was die Leute sagen, und er weiss, was er kann. Das ist sehr beeindruckend für mich.

Wie hat Ihnen die Statue gefallen?
Eine Katastrophe! Die ist wirklich richtig schlecht! Aber als Fussballer ist es sicher schön, wenn man so etwas gewidmet bekommt.

Der Renato-Steffen-Flughafen in Basel, das wäre doch auch was.
(Lacht) Ich weiss nicht, ob da jeder Freude hätte!

Zurück zu den Pfiffen. Erstmals damit konfrontiert wurden Sie in Thun nach Bekanntwerden des Transfers zu YB.
Das war nicht schön. Ich hatte eine gute Saison, ein gutes Gefühl, auch mit den Fans. Und dann haben sie mich im Spiel gegen St. Gallen ausgepfiffen. Das mochte mich sehr und das wiederum hat sich auf dem Platz widergespiegelt. Ich habe sehr ängstlich gespielt und musste früh raus. Gleich im Anschluss hatte ich dann das Gespräch mit Urs, der mir sagte, ich müsse damit umgehen können. Aber ich habe ihm dann erklärt, dass ich vielleicht noch ein paar Mal so reagieren werde. Wenn etwas neu ist, dann brauche ich meine Zeit, um mich daran zu gewöhnen.

Das Eine waren die Pfiffe, das Andere, als Sie als Noch-Thun-Spieler bereits im YB-Trikot posierten.
Das würde ich nicht mehr machen. Aber in dem Moment hatte ich einfach nur Freude – und es war, glaube ich, auch nicht nur meine Aufgabe, zu erkennen, dass das falsch ist.

Zuerst der Wechsel zwischen den Kantonsrivalen, dann der zum FCB, obwohl YB sie gerne behalten hätte. Wieso sind Sie trotzdem gegangen?
Einerseits war ich nicht ganz einverstanden damit, wie sie die Vertragsverlängerung gehandhabt haben. Die Verlängerung, oder zumindest der Vorschlag dafür, hätte früher kommen müssen. Ich habe damals bewusst nicht viel dazu gesagt, weil das nicht meine Art ist. Aber so habe ich die Wertschätzung nicht gespürt. Hätten sie mich unbedingt behalten wollen – was sie wollten, das weiss ich – dann hätten sie frühzeitig auf mich zukommen müssen. Ich war im letzten Jahr meines Vertrages. Sie hätten mir einen Vertrag hinlegen können und damit zeigen, dass sie mich wollen und ich wichtig bin. Als ich dieses Zeichen nicht bekommen habe, hat es mir abgelöscht. Wie es dann gekommen ist, sieht man ja.

Sie haben beide Vereine von innen erlebt. Wie turbulent ist YB wirklich?
Von Innenleben der Mannschaften her war es auch bei YB ruhig. Auch in schwierigen Zeiten. Wir wussten, was wir können, und auch, dass wir mehr gekonnt hätten. Aber hier beim FCB hat das ganze Team diese Winnermentalität. Die ist von oben bis unten durchgezogen. Du kannst nicht anders, als mitziehen. Und auch die Beziehung zum Sportchef und dem Präsidenten ist auf sehr menschlicher Ebene. Du spürst, dass sie dich schätzen, deinen Charakter annehmen und diesen auch nicht ändern, sondern höchsten verbessern wollen. Vielleicht habe ich mich auch deshalb hier so schnell wohlgefühlt.

Sie gelten auch als begnadeter Trash-Talker. Ist da etwas dran?
(lacht) Ich würde jetzt nicht sagen, dass ich das nicht beherrsche. Handkehrum muss ich mir auch sehr viel anhören. Im Gegensatz zu anderen reagiere ich aber einfach nicht darauf.

Was war das Übelste, dass Sie sich haben anhören müssen?
Wo kann man eine Person am meisten verletzen? Wenn es um Leute geht, die einem nahe stehen. Daher ist die Mutter meistens im Spiel.

Stichwort Familie: Sie haben eine ältere Schwester, die auch Fussball spielt.
Nicht mehr. Ganz früher war sie erfolgreicher als ich. Sie spielte bei Aarau, als ich auch noch dort war. Und sie war auch schneller als ich. Aber das hat sich dann schnell mal geändert.

Woher kommt die Schnelligkeit in der Familie?
Meine Schwester hatte den Speed von der Leichtathletik. Aber wir haben es sicher auch in den Genen. Mein Vater spielte auch Fussball, war auch klein und schnell. Und meine Mutter hat auch Leichtathletik gemacht.

Wie wichtig ist Ihnen die Familie?
Sehr wichtig. Bei YB gab es Zeiten, als ich den Kontakt zu meinen Eltern etwas habe schleifen lassen. Ich ging nicht mehr oft nach Hause, habe alles selber versucht zu regeln. Und dann kommst du irgendwann an den Punkt, an dem dir alles zu viel wird. Dann, nach diesem Gespräch im Winter, ging ich wieder mehr nach Hause. Mittlerweile gehe ich wieder mindestens einmal pro Woche nach Hause. Das schätzen sie sehr und auch mir tut das gut.

Zurück zu Ihrer Karriere. Welche Liga würde Sie reizen?
Die Bundesliga und die Premier League sind die Ligen, die ich verfolge und in denen ich gerne mal spielen würde. Das ist mein Ziel. Wenn ich weiter an mir arbeite, dann kann ich das auch schaffen. Ich weiss, dass ich dafür noch viel machen muss.

Wäre ein solcher Schritt auch notwendig, um Ihr Standing in der Nati zu verbessern?
Wen man sieht, dass Michi Lang (bis ich nachberufen wurde) der einzige Spieler aus der Super League war, dann muss man vielleicht schon sehen, dass es manchmal weitere Schritte braucht, einen anderen Rhythmus, bei denen man sich auch weiterentwickeln kann. Es ist nicht einfach, wenn man immer so weit voraus ist. Jetzt sind es 17 Punkte, vor einem Jahr waren es zu diesem Zeitpunkt 14. Dann ist es schwierig, immer an die Grenzen zu gehen.

Was würde denn helfen?
Ich würde mir auch wünschen, dass es mal wieder spannender wäre. Wenn ein oder zwei Spiele ein anderes Team an der Spitze wäre und man dann genau weiss, dass man gewinnen muss, weil man sonst überholt wird oder einen Platz nach unten rutscht. Dann bist du auch 100 Prozent fokussiert und kannst deine Leistung abrufen. Spiele, wie es jenes gegen Zürich eines war, sind Spiele, die ich vermisse. Die würden meine Leistungen und mein Verhalten wieder steigern. Denn in diesen Momenten habe ich diese Anspannung und Nervosität, die mich fördert.

Wie schafft ihr es trotzdem, den Fokus zu behalten?
Weil jeder im Team gewinnen will und möglichst viele Punkte sammeln will. Wir wollen zeigen, dass wir die beste Mannschaft sind. Und wenn wir so spielen, ist die Freude auch wieder viel grösser als in der Vorrunde und dann lieben wir den Fussball, den wir spielen. So können wir uns trotz komfortabler Ausgangslage immer wieder motivieren.

Wie wichtig ist dabei Urs Fischer?
Sehr wichtig! Er stellt uns Woche für Woche ein und betont immer wieder, wie wichtig das ist. Wir haben uns mit gewissen Rekorden auch Ziele gesteckt. Das motiviert auch. Wir spielen komplett anders als in der Vorrunde. Und auch wenn viel über ihn geschrieben worden ist, kann er die Mannschaft noch immer erreichen. Das schafft er und das ist auch ein gutes Zeugnis für ihn.


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 Betreff des Beitrags: Re: (11) Renato Steffen
 Beitrag Verfasst: Freitag 10. Juli 2020, 12:32 
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Renato Steffen: Vom Feuerwehrmann zur Teamstütze

Als Renato Steffen 2018 den Sprung vom FC Basel in die Bundesliga zum VfL Wolfsburg wagte, waren die Kritiker schnell zur Stelle. Er wurde als einer abgestempelt, der den Weg ins Ausland viel zu früh suche. Steffen hat sie alle eines Besseren belehrt. Der 28-jährige Erlinsbacher hat in seinem zweiten Wolfsburg-Jahr eine starke Rückrunde hinter sich, wurde in mehreren Partien zum Wolfsburger Mann des Spiels gewählt. 6 Tore und 3 Torvorlagen standen letztlich auf dem Konto des Schweizer Nationalspielers. Selbst in deutschen Medien sorgte Steffen für Schlagzeilen, indem er als kleinster Wolfsburger Spieler (1,7 m) vier der sechs Tore per Kopf erzielte. Steffen muss schmunzeln: «Im Team war das kein grosses Thema. Die Mannschaft weiss, dass ich einen guten Kopfball habe, man kann mit guter Sprungkraft und gutem Timing viel rausholen.»

Es sei gewiss sein bestes Bundesliga-Halbjahr gewesen, vollends zufrieden ist der Aargauer aber nicht: «Ich sehe nicht nur das letzte halbe Jahr, sondern schaue auf die ganze Saison. Hätte ich in der Hinrunde ebenfalls solche Leistungen wie zuletzt gezeigt, wäre es persönlich eine richtig gute Saison geworden.»

Probleme nach dem Trainerwechsel

Steffen, der einen speziellen Weg zum Fussballprofi ging, tat sich zu Beginn der Saison nach dem Trainerwechsel von Bruno Labbadia zu Oliver Glasner schwer. «Ich hatte das Gefühl, dass ich wieder bei Null beginnen musste.» Einsatzminuten bekam er kaum welche und wenn doch, dann nicht auf seiner Lieblingsposition auf dem rechten Flügel. «Ich bin so ein bisschen hin- und hergeschoben worden, war Feuerwehrmann hier, Feuerwehrmann dort.» Das sei keine Kritik am Trainer, aber halt schon ein Grund dafür gewesen, weshalb es zunächst persönlich nicht gut lief. Immerhin festigte Steffen dabei seinen Ruf als polyvalenter Spieler. Steffen suchte dennoch mit Glasner das Gespräch. «Ich war danach wieder frei im Kopf, was sich auch in meinen Leistungen widerspiegelte», sagt Steffen.

Doch just, als er den Tritt so richtig gefunden hatte, wurde er von der Coronapandemie ausgebremst. «Das war keine einfache Zeit. Wir waren sehr isoliert, hatten viele Auflagen zu erfüllen, sodass es schwierig war, den Fitnessstand auf hohem Niveau aufrecht zu halten», so Steffen. Trotzdem fand er gestärkt daraus, so sehr, dass er sich vom Feuerwehrmann zur Teamstütze entwickelte.

Wolfsburg schloss die Saison auf Platz sieben ab und muss in die Europa-League-Quali. «Unter dem Strich können wir zufrieden sein. Es war ein Jahr mit Höhen und Tiefen. Wir sind sehr gut gestartet, dann kam eine Phase, in der es nicht gut lief. Wollen wir nächste Saison erfolgreicher sein, müssen wir konstanter werden», sagt Renato Steffen. Als persönliches Highlight streicht der 28-Jährige den 4:0-Sieg gegen Mainz heraus, bei dem ihm ein Doppelpack gelang. Aber auch die anderen Treffer und Torvorlagen taten seinem Selbstvertrauen gut. Ein kleiner Schönheitsfehler ist, dass Steffen ausgerechnet in den Topspielen gegen Dortmund und die Bayern kaum Zugriff aufs Spiel fand. «Die Rückrundenspiele waren gut. Das ist das, was ich leisten kann. Gegen die Bayern habe ich zu viel nachgedacht – und dann war der Ball schon wieder weg.»

Rund um die überzeugenden Leistungen wird über die vorzeitige Vertragsverlängerung nachgedacht. «Renato Steffen hat bei uns eine gute Entwicklung genommen. Wir können uns eine weitere Zusammenarbeit grundsätzlich sehr gut vorstellen», sagte Jörg Schmadtke, Geschäftsführer Sport beim VfL, im Frühling. Steffens Vertrag läuft per Juni 2021 aus. Will auch er mit seiner Frau Qendresa und dem bald zweijährigen Sohn Lian bleiben? «Wir sind soeben in ein Haus gezügelt und fühlen uns in Wolfsburg sehr wohl. Ich kann mir deshalb gut vorstellen, hier zu bleiben. Ich weiss, was ich an Wolfsburg habe, hier kann ich spielen. Und ich hoffe auch, dass sie wissen, was sie an mir haben.» Konkrete Gespräche sollen nach der Sommerpause stattfinden.

Positive Signale erhielt er auch von Nationaltrainer Vladimir Petkovic. «Er hat mir zu einer starken Saison gratuliert, hat mir schöne Ferien gewünscht und erwähnt, dass wir uns bald wieder hören werden.» Steffen soll im Hinblick auf die Nations-League-Spiele im September zum Stammkader gehören.

Ferien in der Schweiz, Auftakt am 22. Juli

Vorerst sind aber bei Renato Steffen Ferien angesagt. Er freue sich, nach über fünf Monaten endlich wieder Zeit im Aargau bei Familie und Freunden zu verbringen. «Und vielleicht gehen wir spontan noch ein paar Tage ins Tessin. Aber auf jeden Fall nicht an einen Ort, wo wir uns Gefahren einer Coronavirus-Ansteckung aussetzen», so Steffen. Bereits am 22. Juli enden die Sommerferien, dann müssen alle Wolfsburg-Spieler zum Coronatest. Danach stehen über drei Tage hinweg Fitnesstests an, ehe Ende Juli der Trainingsauftakt des Teams auf dem Programm steht.


Via SC Schöftland in die Bundesliga

Renato Steffens Weg zum Fussballprofi ist ein ungewöhnlicher: Vom FC Erlinsbach gings als Junior zum FC Aarau. Dort als zu klein abgestempelt, fand er Unterschlupf beim SC Schöftland (2. Liga inter). Von dort wechselte er zum FC Solothurn (1. Liga), wo ihm dank Thuns Sportchef Andres Gerber als festangestellter Maler der Durchbruch in den Profifussball gelang. Von Thun wechselte weiter zu den Young Boys, worauf er mit dem FC Basel zwei Mal Schweizer Meister sowie ein Mal Cupsieger wurde. Seit 2015 zählt er zum Kader der Nationalteams und steht bei 10 Einsätzen.


https://www.zofingertagblatt.ch/?id=287 ... zur+Teamstütze

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 Betreff des Beitrags: Re: (11) Renato Steffen
 Beitrag Verfasst: Samstag 25. Juli 2020, 11:54 
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Bundesliga-Legionär Renato Steffen: «Irgendwann wirst du müde im Kopf»

Bundesliga- und Nati-Spieler Renato Steffen darüber, wie nahe er dran war, seine Karriere hin zu schmeissen und was sein Ex-Club, der FC Basel, falsch macht.

Wenn sich ab diesem Samstag der VfL Wolfsburg auf die Europa League vorbereitet (Rückspiel gegen Shaktar Donezk am 5. August), ist auch ein ehemaliger Basler dabei: Renato Steffen. Seit Januar 2018 spielt er für die Wölfe - die Verbindung zum FCB hat er aber nie verloren. In seinem Heimaturlaub besuchte er nicht nur die Familie, sondern auch die ex- Kollegen. Und nahm sich im offenen Gespräch Zeit, sein bestes Halbjahr in Deutschland einzuordnen und die Zweifel über sein Fussballer-Dasein zu erklären.

Renato Steffen, die wichtigste Frage zuerst: Wie geht es Ihnen?

Renato Steffen: Gut, danke. Für uns geht jetzt das Training wieder los in Wolfsburg, die letzten Wochen aber waren wir in der Schweiz. Das erste Mal in diesem Jahr. Wir haben im Elternhaus meiner Frau gewohnt, unsere Familien und auch einige Freunde endlich wieder gesehen. Es war eine sehr schöne Zeit.

Sie sind ein extremer Familienmensch. Wie schwierig war es, Ihre Eltern so lange nicht zu sehen?

Meine Eltern sind zum Glück, kurz nachdem die Grenze wieder geöffnet wurde und Angehörige einreisen durften, nach Wolfsburg gekommen. Aber es war tatsächlich nicht einfach. Seit ich aber meine eigene Familie habe gehe ich besser mit der räumlichen Distanz zu meinen Eltern um. So habe ich viel Ablenkung.

Ihr Sohn hat Ihr Leben ohnehin auf den Kopf gestellt. Im nächsten Monat wird er zwei Jahre alt. Wie haben Sie sich seither verändert? Ist der Papa Renato Steffen ein anderer Mensch geworden?

Ich bin ruhiger geworden, ja. Neben dem Platz hatte ich immer schon gewisse ruhige Momente, das bekommen die Leute nur nicht so mit. Aber jetzt bin ich noch etwas ruhiger geworden.

Sind Sie denn als Papa auch ruhig?

Eher nicht, ich bin der, der sich die ganze Zeit Sorgen macht. Ich stehe lieber zwei, drei Mal mehr auf, wenn er herumrennt, weil ich immer ein bisschen Angst habe, dass er hinfällt. Meine Frau lässt ihn eher einfach machen. Ich möchte ihn nicht allzu sehr in Watte packen, aber ich will einfach nicht, dass er sich weh tut. Aber er ist ohnehin sehr pflegeleicht. Wenn er doch mal hinfällt, dann lacht er meist, statt zu weinen, weil er es lustig findet. Da haben wir echt Glück gehabt.

Hat Ihr Sohn auch Ihr Auftreten auf dem Platz verändert? Sie wirken auch da ruhiger, nicht mehr ganz so heissblütig wie früher noch.

Ich würde es so sagen: Ich nehme im Allgemeinen viele Dinge gelassener, die in meinem Umfeld passieren. Und ich habe gelernt, dass es manchmal wichtigere Sachen als den Fussball gibt, über die man sich den Kopf zerbrechen sollte. Ich mache mir lieber einen Kopf, was ich dem Kleinen bieten kann und wie er die schönst mögliche Kindheit hat. Also kann man schon sagen, dass er einen grossen Teil dazu beigetragen hat, dass ich mich nicht mehr so schnell aus der Bahn werfen lasse. Im Allgemeinen, und damit auch auf dem Fussballplatz.

Früher gehörte die emotionale Komponente zu Ihrem Spiel. Wie ausgeprägt ist die noch?

Im Training beispielsweise bin ich immer noch sehr emotional. Wenn mich etwas stört, dann bringt mich das immer noch auf die Palme. Ab und an zeige ich dann immer noch Reaktionen, die vielleicht unnötig sind. Aber im Vergleich zu früher kann ich die Dinge besser einordnen. Ich kann auch mal sagen: Ja, das war mein Fehler. Ich habe nicht mehr so grosse Mühe damit, so etwas einzugestehen. Meine eigene Wahrnehmung ist eine andere geworden. Das ist es vor allem, was sich geändert hat.

Klingt, als wären Sie richtig erwachsen geworden.

Langsam, ja. Aber irgendwann muss man ja auch erwachsen werden (lacht)!

uf dem Platz ist Ihre Wandlung gar messbar. Sie haben mit sechs Toren und drei Assists in der Rückrunde Ihr bestes Halbjahr in der Bundesliga gespielt. Würden Sie das unterschreiben?

Ja, das war mein bestes Halbjahr, ganz klar. In meinem ersten Jahr habe ich mich immer gefragt, wieso ich nicht spiele. Dabei habe ich den Fehler vor allem bei Anderen gesucht, statt mich selbst zu hinterfragen. Für mich war klar, dass ich ja alles gebe. Aber dass das vielleicht nicht reicht, daran habe ich nie gedacht. Dass das nicht genug ist, wenn man nicht 100 prozentig fokussiert ist. Ich war vielleicht zu unbekümmert. Das ist jetzt einer Gelassenheit gewichen, die sicher zu dieser Rückrunde mit beigetragen hat. Sie hat mir geholfen, mich nicht davon abbringen zu lassen zu arbeiten, wenn ich mal nicht so viel oder gar nicht gespielt habe. Und es hat mich lernen lassen, dass ich darauf hören muss, was sie verlangen, weil ich so auf das Niveau kommen konnte, welches es in der Bundesliga braucht. Ich denke, es war auch dieser Wandel im Denken, der mir geholfen hat.

Heisst das, dass Sie anfangs nicht über Ihre Leidensgrenze gingen, weil Sie dachten: Ich habe es in die Bundesliga geschafft, das reicht?

Es war ein Mix aus dem Gedanken, es geschafft zu haben und der Unzufriedenheit, dass ich glaubte, alles zu geben, aber trotzdem nicht spielte. Dann kam damals dazu, dass ich nach einer verkürzten Vorbereitung nicht fit genug war, meine erste Chance zu nutzen. Das konnte ich alles in dieser Kombination nicht einordnen.

Erschwerend kamen die Trainerwechsel dazu. Geholt hat sie Martin Schmidt, dann kam Bruno Labbadia und nun Oliver Glasner. Sie klagten einst davon, das Gefühl zu haben, immer wieder bei null beginnen zu müssen.

Jedes Mal, wenn ich gedacht habe: Jetzt habe ich gezeigt, was der Trainer an mir hat, kam ein neuer, ja. Dann dachte ich immer: Mittlerweile wissen aber doch alle, was man an mir hat. Aber dem war nicht so. Ich musste immer wieder aufs Neue hinten anstehen, erklären, wo meine beste Position ist, während ich auf mir fremden Positionen eingesetzt wurde und mich neu beweisen musste. Es war immer das gleiche Spielchen. Da staut sich auch mal etwas an.

So viel gar, dass Sie das Gespräch gesucht haben, weil Sie sonst dachten, keine Besserung zu finden.

Genau. Ich musste im Winter einfach los werden, was mich stört. Mir war aber bewusst, dass ich nur etwas verlangen kann, wenn ich in der Folge auch Leistung bringe. Sonst hätte ich kein Recht, Dinge zu fordern. Das Gespräch wurde von allen Seiten positiv aufgenommen. Und ich fühlte mich wie befreit, ruhig. Dann bin ich im ersten Rückrundenspiel eingewechselt worden, habe ein Tor erzielt – und es kam alles ins Rollen. Der Knopf war gelöst. Dennoch nervt mich etwas.

Was denn?

Dass es nicht die ganze Saison so gelaufen ist. Es hätte eine noch viel bessere Saison werden können, hätte es von Anfang an so funktioniert. Verstehen Sie mich nicht falsch: Am Ende überwiegt das Positive. Aber es nervt mich, dass ich nicht noch mehr Spielzeit bekommen habe. Im Zuge dessen habe ich mich gefragt: Ist es wirklich nötig, dass ich mich jedes Jahr beweisen muss? Mir immer wieder das Vertrauen erarbeiten muss? Ich musste immer schon mehr machen als die Anderen, in meiner ganzen Karriere. Irgendwann wirst du müde im Kopf. Du fängst an, an dir zu zweifeln. Und du fragst dich, ob das alles noch das ist, was du wirklich weiterverfolgen willst.

Sie dachten daran, hin zu schmeissen?

Nein, ganz so schlimm war es nicht. Es ist auch nicht mein Naturell, Dinge abzubrechen. Und ich wollte nicht wieder einer dieser Spieler sein, der in der Bundesliga gescheitert ist. Aber es war ermüdend und schwierig, mich immer wieder aufzuraffen, zu beweisen, dass ich besser bin als andere denken. In diesen Zeiten war ich froh, dass mein Sohn schon da war. So wusste ich immerhin, wieso ich am Morgen aufstehe.

Hatten Sie denn irgendwann Zweifel, dass eine Rückrunde wie die jetzige irgendwann doch noch kommen würde?

Nein, denn für mich war eigentlich immer klar, dass der Fussball in Deutschland perfekt für meine Spielart ist. Also wollte ich mich durchbeissen. Und zum Glück gibt es mir im Leben immer wieder Recht, wenn ich das tue und auf meinem Weg bleibe.

Es hat Ihnen gar so viel Recht geben, dass eine Verlängerung ihres bis Sommer 2021 laufenden Vertrags bei Wolfsburg winkt.

Ja, das kommt noch dazu. Ich habe gute Argumente geliefert für eine Verlängerung und hoffe darauf, dass es mit der Führung bald Gespräche gibt und wir eine gute Ebene finden werden. Wir fühlen uns sehr wohl in Wolfsburg. Daher wäre es sehr schön, wenn ich bleiben könnte. Ich möchte den Leuten auch weiter zeigen, was ich kann.

Welchen Leuten? Jenen in der Heimat, die befürchteten, Sie würden der nächste, in der Bundesliga gescheiterte, Schweizer Legionär werden?

Auf jeden Fall. Die Leute in der Schweiz sind mir gegenüber immer noch kritisch und eher negativ gestimmt. Auch, wenn ich bei der Nationalmannschaft bin. Dabei müsste man mich dort doch als den Menschen sehen, der jetzt das Schweizer Dress trägt. Und nicht mehr als den Typen von früher. Ich bin nicht mehr so, wie viele Leute mich von früher zu glauben kennen. Das würde ich diesen Leuten gerne zeigen.

Das klingt nach einem Punkt auf Ihrer To-Do-Liste, den Sie zwingend abhaken möchten?

Das kann man so sagen. Mir ist es egal, wenn mich die Leute nicht mögen. Aber sie sollten differenzieren und anerkennen, wenn ich etwas gut mache.

Die EM in diesem Jahr wäre eine gute Option dazu gewesen.

Natürlich war die Verschiebung für mich enttäuschend. Was ich bislang bei der Nati zeigen konnte, war eher bescheiden. Ich war in einer Rolle, in der ich hinten anstehen musste, was ich in diesem Fall aber okay finde. Die Nati ist noch einmal ein anderes Kaliber. Aber ich bin in Kontakt mit dem Nationaltrainer, wir haben einen guten Austausch und er hat mir eine gute Verfassung attestiert. Und ich weiss auch, dass wenn ich weiter so auf meinem Niveau spiele, ich auch zu weiteren Einsätzen kommen werde.

Wechseln wir noch zu einem aktuelleren Thema. Mitte Woche wurde bekannt, dass das vierte Team in der Schweiz – der FCB – einen Coronafall zu beklagen hat. Sie waren am Spiel Basel gegen YB. Wie haben Sie den Umgang der Schweizer Liga mit dem Virus wahrgenommen?

Ich verstehe nicht, dass es in der Schweiz nicht wie bei uns obligatorisch ist, dass alle Beteiligten regelmässig getestet werden. Bei uns war das die Bedingung, damit der Betrieb am Laufen bleibt. Das Spielfeld ist doch eine Art virusfreie Zone. Damit sie das aber sein kann, braucht es die Gewissheit durch die Tests, dass alle, die diese Zone betreten, nicht infiziert sind. Bei uns kam noch die einwöchige Quarantäne dazu. Klar, so etwas muss gut geplant werden, und es geht mit viel Aufwand und viel Geld einher. Dass nicht jeder Klub Letzteres hat, ist mir auch bewusst. Aber gerade in diesen Zeiten müssen doch alle zusammenstehen und sich die Clubs und die Liga gegenseitig aushelfen.

Der Coronafall ist aber nicht das einzige Problem, welches Ihren Ex-Club umgibt. Wie erleben Sie den FCB aus der Distanz?

Ich habe das Gefühl, dass einfach keine Ruhe mehr in den Club reinkommt. Die frühere Souveränität des Vereins im Ganzen ist etwas verloren gegangen. So zumindest wirkt es, wenn man es von aussen betrachtet. Es tut mir auch etwas weh, das zu sehen, vor allem wenn man weiss, wie es früher war und für welche Leistungen und welchen Status der FCB stand. Das klingt jetzt vielleicht etwas hart und klar, es gab eine Umstrukturierung und eine neue Philosophie. Aber dass es dann gefühlt jede Woche neue negative Schlagzeilen geben muss, kann ich nicht nachvollziehen. Das ist gar nicht mehr der Verein, den ich kenne.

Ist es für Sie die logische Konsequenz, dass bei so viel Unruhe auch die sportlichen Leistungen schlechter geworden sind im Vergleich zu jener Phase, in der Sie beim FCB waren?

Es ist immer schwierig, Vergleiche zu ziehen. In meiner Zeit hatten wir noch andere Möglichkeiten, gerade wenn ich überlege, welche Spieler wir da noch im Kader hatten. Das war etwas komplett anderes. Wir waren damals so breit aufgestellt, hatten Marc Janko und Seydou Doumbia auf der Bank, einen Matías Delgado, doppelt besetzte Flügel. Das ist ein riesiger Unterschied. Hinzu kommt, dass es meines Erachtens jetzt zu viele ähnliche Spielertypen gibt. Das Kader, in dem ich noch war, war variabler.

Waren es zu viele Abgänge von Persönlichkeiten, welche zu wenig adäquat ersetzt wurden?

Es waren sicher viele Abgänge, ja. Und irgendwann kann sich auch der FCB nicht mehr jedes halbe Jahr neu strukturieren. Der FCB hat zwar viele gute, junge Spieler, das ist unbestritten, abersie brauchen einfach noch Zeit, um sich entwickeln zu können. Und mehr starke Persönlichkeiten, die die Jungen wieder führen. Einen grossen Unterschied sehe ich aber auch darin, dass bei uns jeder Spieler seine ganz besondere Eigenheit hatte. Da wusste man jeweils genau, was man kriegt, wenn der ins Spiel kam.

Wo sehen Sie den FCB in seiner aktuellen Entwicklung? In der Gefahr, zeitnah nicht mehr die Nummer 1 werden zu können?

Der FC Basel ist noch immer der beste Verein der Schweiz. Die Spieler, die kommen, müssen das einfach auch wieder so sehen. Sie müssen es wieder als Ehre empfinden, dieses Dress zu tragen. Sie müssen wieder merken, dass es das Non-Plus-Ultra ist, beim FCB zu sein. Dieses Gefühl vermisse ich ein bisschen.


https://www.aargauerzeitung.ch/sport/fu ... -138550419

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